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Neue Musik der Woche:Welche Alben Sie hören sollten und welche nicht

Noel Gallagher entflieht dem ewigen Oasis-Vergleich und Björk macht ein Dating-Album. Außerdem ein kleines Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Xavier Naidoo ein richtiger Künstler wäre?

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Björk - "Utopia" (Embassy of Music/Warner)

Björk - 'Utopia'

Quelle: dpa

"Utopia" ist Björks Datingalbum. Ihr Album davor war ihr Trennungsalbum, aber inzwischen hat sie gelernt, dass sie Licht in ihr Herz lassen muss, auch wenn der Schmerz bleibt. Die Musik auf "Utopia" klingt nun nach Ambient für die Lobby eines futuristischen Björk-Museums, was auch damit zu tun hat, dass Björk oft merkwürdige Skalen benutzt, sehr seltsam phrasiert und ihre Harmonik der Neuen Musik entleiht. Ist super, aber wie alles, was zu gewollt große Kunst/Avantgarde sein will, ziemlich nervtötend. Wie Improvisationstheater. Es macht mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit mehr Spaß, Improvisationstheater zu machen als ihm zuzusehen. Und es macht garantiert mehr Spaß, Björk zu sein als ihr zuzuhören.

Juliane Liebert

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Noel Gallagher's High Flying Birds - "Who Built the Moon?" (Sour Mash/Indigo)

Noel Gallagher's High Flying Birds - Who Built the Moon

Quelle: Sour Mash/INDIGO

Noel Gallagher hat es auch nicht leicht: Alles, was er macht, wird verglichen mit seinen Oasis-Hits, auf jedes Abweichen vom Bewährten reagieren die Fans beleidigt, und dann hat er immer diesen lästigen Bruder am Bein, der ihn ständig öffentlich beschimpft. Gallagher sieht darüber hinweg und versucht, Abstand zu gewinnen. Auf seinem dritten Album "Who Built The Moon?" findet sich keine einzige Ballade im Oasis-Stil, stattdessen stoisch böllernder Rock, psychedelische Klanglandschaften und Schlachtruf-Refrains. Im Ergebnis nicht durchgehend gelungen, aber meilenweit origineller als alles, was sein Bruder heute so veranstaltet.

Max Fellmann

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Samy Deluxe - "Deluxe Edition" (Chapter One/Universal)

Samy Deluxe - Deluxe Edition

Quelle: Chapter One/UNIVERSAL

Weniger Sorgen wären besser. Rap funktioniert schließlich hauptsächlich über Großmannssucht und Superlative - und wer sich größtmöglich sorgt, klingt doch so schnell nach Pegida: "Und die Politiker spielen in Ruh' Golf/ Sagen dem dummen Volk, was es tun soll." Lieber mehr Unfug. Unfug ist im Superlativ zwar auch nicht schlauer, macht aber mehr Spaß: "Währenddessen spielt Han Solo ein Drum-Solo/ Boba Fett findet den Beat oberfett und tanzt Pogo". Zu diesen Texten gibt es auf dem Mini-Album "Deluxe Edition": ein paar tatsächlich fast amerikanisch dicke Beats und viel Rap-Technik-Schaulaufen. Samy Deluxe bleibt damit einer der besten Rapper des Landes. Der klügste wird er eher nicht mehr.

Jakob Biazza

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Sufjan Stevens - "The Greatest Gift" (Asthmatic Kitty)

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Quelle: SZ

Der Sänger und Songwriter Sufjan Stevens hat auf dem Gefühl der naiven Sehnsucht eine ganze Karriere aufgebaut. Bisheriger Höhepunkt: das rührende Familien-Album "Carrie & Lowell". Jetzt, zwei Jahre später, veröffentlicht Stevens mit "The Greatest Gift" eine Art Anhang. Dass ein Großteil der Songs auf der neuen Platte nun Remixe sind, die den Originalen an emotionaler Dringlichkeit nichts hinzuzufügen haben: geschenkt. Weil ja allein die vier neuen Stücke (nur ein Mensch ohne Herz würde sie Outtakes nennen) sehr, sehr viel platt, leer und dumm erscheinen lassen, was sonst im Pop so verführerisch funkelt. "The Hidden River of My Life" oder "City of Roses" sind Folksongs, deren gütiger Gott einen immer wieder umschubst, aber dann doch wieder aufhebt - auf dem Weg zur Erlösung durch die alles erfüllende Liebe.

Julian Dörr

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Xavier Naidoo - "Für dich" (Naidoo Records)

Xavier Naidoo - Für Dich.; Xavier Naidoo - Für dich

Quelle: Naidoo Records

Ein kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, Xavier Naidoo sei ein richtiger Künstler. Man vergesse kurz den ganzen Aluminium-Hut-Quatsch und Reichsbürger-Unfug, den er gern erzählt, aber auch den Hass und die Häme seiner Feinde. Und dann höre man die vierzehn Lieder seines neuen Albums "Für dich" (Naidoo Records): "Gib mir Liebe", "Bei dir sein", "Bereit für die Liebe" und die anderen plumpen Songs für Menschen, die gute Musik auf einem Fernsehshow-Sampler suchen. Warum nur wird es einem dabei trotzdem warm in der Brust? Ganz einfach: Weil Xavier Naidoo verdammt noch mal Soul hat.

Julian Dörr

© SZ.de/doer
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