Neues Album "A Head Full of Dreams" Coldplay machen Musik für den Familien-Van

Musik wie der Soundtrack für das indische Holifest: Coldplay.

(Foto: Julia Kennedy / Warner Music)

Auf ihrem neuen Album nehmen sich Coldplay die Freiheit, nicht cool zu sein.

Von Jakob Biazza

Die gute Nachricht: Man muss sich diesmal nicht durch Boulevardmeldungen klicken, um das neue Coldplay-Album, nun, sagen wir zu entschlüsseln. Für die Hermeneutik beim Vorgänger "Ghost Stories" fand man das Rüstzeug ja noch beim Vermischten: Frontmann und Hauptsongwriter Chris Martin und seine damalige Ehefrau Gwyneth Paltrow hatten ihr Beziehungs-Aus verkündet. Man sprach von "conscious uncoupling", bewusstem Entpaaren also. Das sollte positiv klingen, führte aber doch zu einem tranig dahinleidenden Konzeptalbum über die verschiedenen Phasen einer Trennung. Erlösung durch Überwindung inklusive.

Das ist deshalb wichtig, weil "A Head Full of Dreams" (Parlophone) dort wieder hochfährt, wo "Ghost Stories" vor eineinhalb Jahren verklang. Was schon die zweite gute Nachricht ist, jedenfalls für jene, die Coldplay für das Hymnische schätzen, den Bombast und das Strahlen (den Verkaufszahlen zufolge müssten das ein paar Millionen sein): Das neue Album ist das Gegenteil des Vorgängers.

Grellbunt, knallig, sattleuchtend. Musik wie der Soundtrack für das indische Holifest. Lyrik wie ein Erweckungsmantra. Angeblich war das lange vor der Entpaarung geplant. Zumindest lässt Martin sich so zitieren: "Vor ungefähr drei Jahren wachte ich auf und eine Stimme im Universum sagte mir: Ihr sollt ein Album namens "Ghost Stories" machen und danach ein Album mit dem Titel "A Head Full of Dreams"."

Mit weißglühender Inbrunst verachtet

Eine Stimme aus dem Universum also. Das lässt freilich die schlechte Nachricht erahnen: Das Album hat, mal wieder, kein einziges winziges Gramm von dem, was vielen bei Pop- und mehr noch Rockmusik nach wie vor essenziell ist: von Cool.

Genau das ist seit jeher der Punkt für all jene, die Coldplay hassen (wahrscheinlich auch ein paar Millionen). Tatsächlich wird man suchen müssen, um eine Band zu finden, die mit ähnlich weißglühender Inbrunst verachtet wird. Das beginnt beim Vorwurf, sie seien "Radiohead für Trottel" (Schriftsteller John Niven). Und es geht bis zur Formulierung, die Band sei "wie U2 ohne Eier" (Spiegel Online). Irgendwann bedankte sich Chris Martin auf Konzerten beim Publikum tatsächlich dafür, "dass ihr unsere Fans seid, obwohl ihr so viele blöde Sprüche aushalten müsst". Das war übrigens auf jener Stadien-Tournee, bei der Bühne und Instrumente über und über mit Fingerfarben bemalt waren. Was derart offensiv nach Waldorf-Kita aussah, dass man sagen muss: Die Briten machen es ihren Feinden schon sehr leicht.

Coldplay machen jetzt also Dancepop? Gegenfrage: Was sollten sie sonst machen?

"Die beste Idee, die wir je hatten"

Ein Video zeigt die Band Coldplay bei den Proben zu einem Westeros-Musical. Doch die Kurzdoku ist nicht ganz ernst gemeint. mehr ...

Auch beim neuen Album. Und zwar vor allem mit den ersten beiden Songs - dem eher überflüssigen "Birds" und dem titelgebenden Opener "A Head Full of Dreams". Eine scheu hereinglitzernde Disco-Nummer mit zischelnder Off-Beat-Hi-Hat, Handclaps und Fingerschnippen, die von Johnny Bucklands wieder dominierenden Echo-Gitarren in ein Woohoo-Fußball-Chor-Gestampfe hinübergetragen wird. Quasi dieselbe Formel wie schon bei der Vorab-Single "Adventure of a Lifetime".

Coldplay machen jetzt also Dancepop? Gegenfrage: Was sollten sie sonst machen? Das große Missverständnis bei dieser Band ist ja, dass sie eine Rockformation sei. Oder zumindest war. Beides Unsinn. Coldplay waren schon immer eine Popband, die ihre Musik zufällig in der Besetzung einer Rockband spielte. Früher haben sie das nur noch bemühter verheimlicht. Und wahrscheinlich sind die Briten mit dem neuen Album bei ihrem alten Ziel angekommen: die mit weitem Abstand größte und, Achtung, coolste Mittelstands-Popband der Welt zu sein.

Auf "A Head Full of Dreams" tut die Band jedenfalls alles, um in absoluter, herrlichster Popnichtigkeit aufzugehen: wickelt die schartigsten Gefühle wieder in dicke Streicher-Luftpolsterfolie, damit sich auf keinen Fall jemand an ihnen verletzen kann. Packt die kitschigsten Liebeszeilen noch mal extra in flauschiges Licht. Breitet in "Hymn for the Weekend" einen urban-kantigen Shuffle-Groove aus, über den ein wirklich sehr geschmackssicheres Klavier hopst. Und ein paar dicke Bläser. Ruft Beyoncé an (die Nummer ist eh im Handy) und singt mit ihr ein schwer lässiges Duett darüber, wie man sich aus lauter Lebenslust und Liebe high und betrunken fühlen kann. Bestellt sich dann das ehemalige Oasis-Mastermind Noel Gallagher ins Studio und verschwendet dessen Strahlkraft auf "Up&Up" an ein dümmlich hingepapptes Gitarrensolo. Verzichtet, und das ist tatsächlich ein Problem, auf jegliche Dynamik. Auf dem Erregungsniveau, auf dem ein Song anfängt, endet er auch. Ach so: Barack Obama haben sie auch gesampelt und seine Version von "Amazing Grace" in einem kurzen Interlude verarbeitet.

Die ganze Produktion zielt also darauf ab, im Familien-Van auf Repeat zu laufen. Weil das aber auch die Freiheit bringt, sich ganz auf die Melodien zu konzentrieren, wird "A Head Full of Dreams" am Ende doch zu einem gigantischen Album. Martin schafft es nämlich wieder, den Gesangslinien diesen irgendwie unangenehmen und trotzdem unwiderstehlichen Sog zu geben. Etwas, das man vielleicht am besten als aufwühlendes Schwelgen bezeichnen kann. Man schämt sich ja immer etwas, sich dem hinzugeben.

"Jeder hat die Freiheit zu hören, was er will"

Aber Himmel, was hilft das schon? Die Hooks bei Songs wie "Fun" oder "Army of One" sind einfach zu gut. Man möchte - auch wenn sich etwas sperrt, diesen Begriff hier zu verwenden - fast von der Essenz von Musik sprechen.

Die Band müsse sich bei niemandem mehr dafür entschuldigen, welche Musik sie macht, hat Chris Martin übrigens gerade in einem Interview gesagt: "Jeder hat die Freiheit zu hören, was er will. Was uns wiederum die Freiheit gibt, die Musik zu machen, die wir tatsächlich machen wollen." Wenn das stimmt, und das Album klingt so, als stimme es: Was, bitte, ist denn eigentlich cooler, als sich nicht darum zu scheren, was andere denken?