Netz-Depeschen Placebo fürs Volk

Und sie wird doch überschätzt, die Webseite Twitter. Zahlen beweisen, dass einige wenige schreiben und der Rest mitliest und schweigt.

Von Johannes Boie

Als die iranische Jugend im Juni protestierte, von Geheimpolizisten und Soldaten zu Boden geprügelt, eingesperrt und gefoltert wurde, da färbten Twitter-Nutzer auf der ganzen Welt ihr Logo auf der Webseite in der Farbe des Oppositionsführers Mir Hossein Mussawi grün ein. Eine großartige Geste befanden viele Netzbewohner, ein mutiger Mausklick der Solidarität. Das Terrorregime im Iran ließ sich vom globalisierten Protest nicht beeindrucken. Die Handlanger verhafteten und folterten fleißig weiter. Heute ist der Straßenkampf im Iran beendet, die Proteste sind gebrochen.

"Ich bezweifle, dass Twitters Wirkung so großartig war"

Und es werden Zweifel laut, wie viel die vielbeschworene digitale Medienrevolution wohl tatsächlich verändern wird. Twitter, die Seite auf der jeder registrierte Nutzer kostenfrei Kurznachrichten an andere Nutzer schicken kann, stand im Mittelpunkt des Hypes und steht jetzt im Zentrum der Kritik. Im Interview mit dieser Zeitung sagte der amerikanische Kulturkritiker David Golumbia: "Ich bezweifle, dass Twitters Wirkung für die Proteste (im Iran) wirklich so großartig war, wie viele Leute das gerne hätten. Vielleicht handelt es sich (beim Protest auf der Webseite) einfach nur um Werbung für Twitter."

Die Webseite, so der Tenor der Kritik, sei nicht mehr als ein Instrument für Selbstdarsteller, und ein Placebo für all jene, die auf eine basisdemokratische Medienlandschaft hoffen. Doch selbst die bloße Hoffnung ist - in Anbetracht einer neuen Studie - unangebracht. Analysten des Medienunternehmens Sysomos untersuchten das Verhalten von 11,5 Millionen Twitternutzer: Ein Fünftel von ihnen hat noch nie eine Nachricht gepostet. Diese Nutzer verwenden die Webseite, falls überhaupt, nur zum Lesen. Wer auf Twitter dagegen kurze Texte schreibt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach kaum gelesen: Die Nachrichten von 94 Prozent aller Twitter-Nutzer werden von weniger als 100 Menschen gelesen. Fast niemand interessiert sich für die Ergüsse der Masse. Eine klitzekleine Elite von fünf Prozent ist dagegen für 75 Prozent aller Geschehnisse auf Twitter verantwortlich.

Einige wenige schreiben, der Rest liest mit und schweigt

So gliedert sich die Webseite im Großen und Ganzen wieder in das bestehende Mediensystem und Nutzungsverhalten der Menschen ein: Einige wenige schreiben und setzen die Themen, der Rest liest mit und schweigt - oder schreibt selber, aber nur für den Freundeskreis.

Die Zahlen sind kein Zeichen für mangelndes Engagement der Masse, sondern vielleicht nur ein Beweis dafür, dass nicht jeder Mensch die Zeit hat, neben Leben und Beruf noch eine größere Menge an Menschen zu unterhalten. Selbst der kleinen Twitter-Elite dürfte die Unterhaltung wohl nur deshalb gelingen, weil etwa das Leben von Superstars, deren Meldungen auf Twitter viel gelesen werden, per se für unterhaltsam gehalten wird.

Sieht also ganz so aus, als hätten Kulturkritiker wie Golumbia in Bezug auf Twitter Recht. Was die Webseite wirklich bewirkt, ist unbekannt. Der feste Glaube an eine Demokratisierung und das weltweite Gehör, das Einzelne finden, dürften nicht mehr sein als Placebos für romantische Weltverbesserer, die sich in ihrer Hoffnung auf eine gerechtere Welt auf das Internet konzentrieren. Einerseits. Andererseits wurde schon klinisch bewiesen, dass auch Placebos wirken.