Musical König der halbseidenen Welt

Hugh Jackman spielt in "Greatest Showman" den Zirkuspionier P.T. Barnum. Ein Hollywoodmärchen mit Happy-End-Garantie und Discomusik.

Von Susan Vahabzadeh

Bezeichnet man etwas als sentimentalen Kitsch, so ist das meistens nicht als Kompliment gemeint. Wenn es aber ums Kino geht, ist Sentimentalität eine Tugend. Das Kino wurde nachgerade dazu erfunden, einer heilen Welt zu huldigen, die es gar nicht gibt. Im Allgemeinen, und im Musical im Besonderen, sind Hindernisse dazu da, Geschichten dramatischer zu machen, die schon irgendwie gut ausgehen werden. Auf der Strecke bleiben höchstens Figuren, die es sowieso nicht besser verdient haben.

Michael Gracey hat seinen Film "Greatest Showman" ganz traditionell inszeniert, im Stil eines Musicals aus der guten alten Zeit. Ein bettelarmer kleiner Junge hat sich in ein Mädchen verliebt, mit dem er nicht einmal reden soll. Ihr Vater hält ihn einer Kinderfreundschaft für unwürdig. Aber es gibt kurz zuvor ein Bild, das einen schon ganz sicher wissen lässt, dass der kleine Bettler keiner bleiben wird. Hugh Jackman im Frack, der erwachsene P. T. Barnum, Zirkusdirektor und König der halbseidenen Welt der Varietés.

Jackman liebt Musicals, man hat das schon in "Les Misérables" gesehen, und auch hier stürzt er sich voller Elan in seine Rolle. Barnum, der kleine Träumer, kehrt zurück, um Charity (Michelle Williams) zu heiraten. Sie geht gerne mit ihm, obwohl er immer noch ein armer Schlucker ist. Er arbeitet in einer Reederei, doch bald wird er entlassen, die Firma ist pleite. Die beiden bekommen zwei Töchter, und die Armut, in der sie in New York leben, sieht ganz romantisch aus. Da tanzt man auf dem Dach, während die Sterne am Nachthimmel glitzern wie Diamanten. Das New York des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, das Gracey hier zeigt, ist so surreal wie die Kulissen der MGM-Musicals der Fünfzigerjahre.

Der echte Zirkusdirektor war kein so großer Menschenfreund wie seine Kino-Nachbildung

Barnum hat einen Hang zur Prahlerei, der Aufstieg gelingt ihm mit einer dreisten Lüge. Er kauft ein Theater, und als Sicherheit dreht er der Bank jene Schiffe an, deren Untergang ihn seinen Job gekostet hat. Man könnte jetzt fast vermuten, dass dieser Barnum mit einem zeitgenössischen New Yorker Unternehmer, der derzeit im Weißen Haus residiert, ziemlich viel gemein hat. Hat er aber nicht, denn dieser Barnum bleibt ein liebenswerter Spinner, der nur einmal kurz vom rechten Weg abkommt, während er versucht, Charity und seinen Töchtern Wünsche zu erfüllen, die sie gar nicht haben. Aber im Herzen ist er ein liebender Altruist, der Regisseur will der Welt ein tröstliches Märchen schenken und keinen Schlüsselroman.

Vom armen Schlucker zum Großunternehmer in Sachen Unterhaltungsgeschäft: Hugh Jackman in „Greatest Showman“.

(Foto: Fox)

In den USA ist "Greatest Showman" beim Start vor Weihnachten ziemlich übel attackiert worden. Ein altmodisches Message-Movie habe Regisseur Michael Gracey inszeniert, ein Retro-Stück als uneleganten Appell an die Toleranz. Mindestens Letzteres ist nun wirklich eine lässliche Sünde. Barnum macht sein Theater zum Museum, aber eines seiner Mädchen bringt ihn auf das Rezept für einen Erfolg, kurz bevor er eine spektakuläre Pleite hinlegt. Er sollte nicht tote Gegenstände ausstellen, sondern das Leben. Barnum erinnert sich an einen Moment des Hungers, als ein entstelltes Mädchen ihm einen Apfel gab. So sammelt er nun Menschen, die die Gesellschaft ausgestoßen hat, zum Beispiel eine bärtige Dame, die singt wie eine Nachtigall. Oder einen jungen Mann, der ihm nicht einmal bis zur Hüfte reicht.

Man kann das Kuriositätenkabinett verklären als eine Unternehmung im Sinne von Tod Browning, der 1932 seinen legendären Horrorfilm "Freaks" drehte. Da erheben sich die Freaks, und Browning entdeckt in ihnen Schönheit und Menschlichkeit. Das tut der Musical-Barnum auch. Der echte war da anders gestrickt und schob seine Zirkusattraktionen auch mal wieder in die Pflegeheime ab, aus denen er sie vorher herausgeholt hatte. "The Greatest Showman" aber feiert die gesellschaftliche Vielfalt, die in den USA gerade unter Beschuss gerät, als größte amerikanische Errungenschaft.

Sind die Psychologie und der Zirkus Verwandte? Irgendwie schon. Nach dem echten P. T. Barnum, der für Hugh Jackmans Rolle Pate stand, ist tatsächlich der Barnum-Effekt benannt, den beispielsweise die meisten Horoskope haben: Was drin steht, ist so allgemein gehalten, dass es jeder auf sich beziehen kann, wenn er denn will. In dem Geist hat Barnum seine Attraktionen gestaltet, sie sollte jedem etwas bieten. Wer sich nicht für die siamesischen Zwillinge begeistern kann, findet vielleicht Gefallen an der dicksten Frau der Welt.

Der Haken an der Sache ist, dass man das eine oder andere vielleicht eher als abstoßend empfindet — und zwar nicht notwendigerweise, wie es im Film ist, die Menschen, die anders sind als der Rest. Das größte Problem bei "Greatest Showman" ist eines, das ein Musical nicht haben sollte: die Musik. Was Benj Pasek und Justin Paul da komponiert haben, macht Stephen Sondheim keine Konkurrenz. Zwar sind die Musiknummern mit schönen Ideen in die Handlung integriert, wenn sie beispielsweise die Hintergrundgeräusche in sich aufnehmen. Aber insgesamt wurde "Greatest Showman" mit einer ungefälligen Discosoße zugeschüttet, die in den Achtzigern schon peinlich war. Schade. Denn eigentlich kann die Welt zauberhafte Märchen gerade besonders gut gebrauchen.

The Greatest Showman, USA 2017 - Regie: Michael Gracey. Drehbuch: Jenny Bicks, Bill Condon. Kamera: Seamus McGarvey. Mit: Hugh Jackman, Michelle Williams, Zac Efron, Rebecca Ferguson, Zendaya, Austyn Johnson, Cameron Seely, Keala Settle, Sam Humphrey. Fox, 105 Minuten.