SPD-Parteitag Die Rede verfing nicht in diesem Saal

"Cash in de Täsch" sei das, rief Schulz volksnah auf Rheinländisch in den Saal und man muss schon sagen: Ziemlich oft war er da wieder zu sehen hinter dem roten futuristischen Parteitagsredepult, der Charismatiker Martin Schulz, den im Wahlkampf irgendwann niemand mehr entdecken konnte. Es gab kein Verhaspeln, keine Unsicherheit, Martin Schulz hat diese Rede sehr gut gehalten. Und doch: Sie verfing nicht in diesem Saal.

Am deutlichsten spürte man das an der Reaktion auf einen Kniff, den Angela Merkel im Kanzlerkandidaten-Fernsehduell gemacht hatte, damals im September 2017, und den Schulz hier nun kopierte: "Der Macron hat mich gestern angerufen", sagte er, "weil ich ihn verstehen kann!" Dann ließ er eine lange Pause. Eine merkwürdig lange. Wollte er Applaus für seine Nähe zum gegenwärtigen Star unter den liberalen Staatsmännern? War er erschrocken, dass er sich diesen etwas durchsichtigen Trick der geliehenen Autorität erlaubt hatte? Es klatschte jedenfalls niemand. Nur verhaltenes Husten war zu hören, sonst Stille. Niemand war beeindruckt.

Es klang irgendwann, als sei das Sondierungspapier gar kein Kompromiss

So zog Schulz weiter durch die Errungenschaften des Sondierungspapiers. Reduzierung der Waffenexporte - gebe es nicht ohne die SPD. Mehr zivile Friedenspolitik, mehr europäische Sozialpolitik, Einhaltung der Klimaziele ebenso wenig. Und, hier klang er fast wie ein Marktschreier: "auf den Ausbau der erneuerbaren Energien legen wir noch einen oben drauf!" Der "Leuchtturm" aber, das sei die Bildungspolitik. Die müsse grunderneuert werden, inklusive Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern.

Es klang irgendwann, als sei das Sondierungspapier gar kein Kompromiss, sondern die Komplettverwirklichung des SPD-Wahlprogramms. Und überhaupt - in den Koalitionsverhandlungen könne sogar noch mehr erreicht werden! Die Union? Ja, die wäre irgendwie auch dabei.

Genau das war das Ziel von Schulz' rhetorischer Überzeugungsarbeit: Die Umdeutung des Einknickens vor der Groko hin zu einem Akt gewaltigen Muts. Die Umdeutung des großkoalierten Weitermachens zum ganz großen Umbruch. Zu einem "mutigen Europa" wolle er sich bekennen, zur politischen Tat, der "mutige Weg sei der richtige". "Mutig und nicht verzagt" wolle er in diese große Koalition gehen und zur mutigen Erneuerung der Partei beitragen. Dass Letzteres nur in der Opposition möglich sei, war natürlich der Einwand, den er hier entkräften musste: "Regieren und Erneuern muss kein Gegensatz sein", sagte Schulz deshalb, "beides geht." Wie allerdings, das ließ er offen.

Ein Nein zur Groko hingegen stellte Schulz nicht nur als Schwäche dar, sondern als "fahrlässig". Dafür schreckte Schulz auch vor ein klein wenig Angstmacherei nicht zurück, vor der "rechten Welle" nämlich, die gerade über Europa schwappe. "Viele sagen, eine Koalition mit der Union stärke die politischen Ränder." Applaus aus der GroKo-Gegnerecke. "Aber was anderes täten denn Neuwahlen?" Nein, die SPD könne - und müsse - in der Regierung ein "Bollwerk gegen Rechts" sein.

Schulz' letztes Argument klang dann wie die Rechtfertigung eines Menschen, der es nicht schafft, sich aus einer unglücklichen Beziehung zu lösen oder einen ungeliebten Job zu kündigen: Es ist ja nicht für immer. Nur eine Chance bekommt sie noch, die Union. Nach zwei Jahren werde man "prüfen, ob die Zusammenarbeit funktioniert. Wir meinen es ernst: Das ist kein Weiter so." Aber an dieser Stelle sahen sich die Delegierten wahrscheinlich schon wieder in einer großen Halle sitzen, über die Fortführung der Großen Koalition verhandeln und eine Rede wie diese von ihrem Vorsitzenden hören - eine "Das ist kein Weiter so"-Rede.

Bis es quietscht

Auf dem Parteitag kämpft die SPD mit sich selbst - und um die Zukunft des Landes. Von roten Zipfelmützen, einem müden Chef und dem hart errungenen Ja für Verhandlungen. Von Christoph Hickmann, Bonn mehr...