Marek Lieberberg über "Rock am Ring" "Ich war der Letzte, der vom Gelände gegangen ist!"

Marek Lieberberg kritisiert die Sicherheitsbehörden für die Unterbrechung von "Rock am Ring".

(Foto: REUTERS)

"Rock am Ring"-Veranstalter Marek Lieberberg spricht über die Stunden nach der Terrorwarnung - und diskutiert, ob er mit seinem Vorwurf an die Muslime zu weit gegangen ist.

Interview von Jakob Biazza

SZ: Herr Lieberberg, was ging in Ihnen vor, als gestern die ersten Nachrichten über eine vermeintliche terroristische Gefahr und einen möglichen Abbruch bei Ihnen eingingen?

Marek Lieberberg: Zunächst hat es mir fast den Atem abgeschnürt, weil ich mich an das vergangene Jahr erinnert fühlte. Und das sind keine guten Erinnerungen.

Das Festival wurde damals wegen Unwettern abgebrochen.

Und ich halte den Abbruch aus dem vergangenen Jahr immer noch für eine ambivalente Entscheidung. Ich war also sehr besorgt, dass uns das in diesem Jahr wieder droht - diesmal unter Hinweis auf die Sicherheitslage.

Wie haben Sie reagiert?

Natürlich steht auch für uns die Sicherheit aller Besucher an allererster Stelle. Ich habe die Situation anders bewertet und versucht, unseren Standpunkt zu vermitteln. Es konnte mir zum Beispiel keiner erklären, warum ein Campingplatz sicherer sein soll als das Festivalgelände. Ein Anschlag ist überall möglich.

Erst abwarten, dann weiterfeiern

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War es das, was die Behörden Ihnen gesagt haben: Wir erwarten einen Anschlag?

Uns wurde mitgeteilt, dass eine konkrete Gefährdungslage bestehe. Es gab Verdachtsmomente gegen zwei Mitarbeiter der sogenannten Site-Crew.

Was macht die Site-Crew?

Sie ist für Aufbauten rund um das Festivalgelände zuständig, stellt also beispielsweise die Absperrgitter auf, die sich zum Teil ja kilometerweit erstrecken. Angeblich soll der Bruder einer der beiden Verdächtigen ein einsitzender Terrorist sein.

Und dann?

Dann haben wir selbstverständlich die Situation zusammen mit den Behörden bewertet. Die Polizei hatte offensichtlich einen Informationsvorsprung. Die Behörden haben die Situation anders eingeschätzt. Nach den Untersuchungen hat sich der Verdachtsmoment erfreulicherweise nicht erhärtet.

Halten Sie es denn für eine Überreaktion, dass das Festival wenigstens für den Moment ausgesetzt wurde?

Ich möchte natürlich auch kein Risiko eingehen, weshalb wir selbstverständlich unverzüglich sämtliche angeordneten Maßnahmen zu einhundert Prozent implementiert haben.

Aber Sie werden mit sich gerungen haben. Wie sah denn die Abwägung Sicherheit vs. Weitermachen in Ihnen aus?

Sicherheit hat immer absoluten Vorrang. Aber im Moment gibt es überall eine latente Bedrohungslage - bei allen Veranstaltungen, auf allen öffentlichen Plätzen. Absolute Sicherheit kann nirgendwo gewährleistet werden. Wir müssen die Verhältnismäßigkeit im Blick behalten. Das ist eine schwierige Balance. Der Anschlag von Manchester ereignete sich zum Beispiel auch nicht in der Halle, sondern auf dem Vorplatz. Er hätte aber auch in der U-Bahn passieren können. Es ergibt sich die Frage, wie weit die Abschirmung bei Veranstaltungen gehen soll. Wir können uns ja nicht vollständig abschotten. Für mich sind da auch die Behörden gefordert - und zwar an einer ganz anderen Stelle.

Bei der Inhaftierung von Gefährdern, wie Sie in einer ersten Pressekonferenz gefordert haben?

Die Behörden müssen ihre Aufklärungsarbeit insbesondere bei dem Ausfindigmachen von und dem Umgang mit Verdächtigen verbessern. Wir sehen im Fall Amri doch, was teilweise für Lücken vorhanden sind.

Einer Ihrer Vorwürfe auf der Pressekonferenz lautete: "Ich glaube, dass wir hier für das büßen müssen, was im Fall Amri oder anderen zu wenig getan wurde." Das sehen Sie immer noch so?

Das ist sicherlich etwas überspitzt formuliert gewesen. Was ich meinte ist, dass man auch nicht in die Versuchung geraten darf, in vorauseilendem Gehorsam das wiedergutzumachen, was in der Vergangenheit eventuell falsch gemacht wurde. Das hilft doch keinem.