Süddeutsche Zeitung

Marek Lieberberg über "Rock am Ring":"Ich war der Letzte, der vom Gelände gegangen ist!"

Lesezeit: 4 min

"Rock am Ring"-Veranstalter Marek Lieberberg spricht über die Stunden nach der Terrorwarnung - und diskutiert, ob er mit seinem Vorwurf an die Muslime zu weit gegangen ist.

Interview von Jakob Biazza

SZ: Herr Lieberberg, was ging in Ihnen vor, als gestern die ersten Nachrichten über eine vermeintliche terroristische Gefahr und einen möglichen Abbruch bei Ihnen eingingen?

Marek Lieberberg: Zunächst hat es mir fast den Atem abgeschnürt, weil ich mich an das vergangene Jahr erinnert fühlte. Und das sind keine guten Erinnerungen.

Das Festival wurde damals wegen Unwettern abgebrochen.

Und ich halte den Abbruch aus dem vergangenen Jahr immer noch für eine ambivalente Entscheidung. Ich war also sehr besorgt, dass uns das in diesem Jahr wieder droht - diesmal unter Hinweis auf die Sicherheitslage.

Wie haben Sie reagiert?

Natürlich steht auch für uns die Sicherheit aller Besucher an allererster Stelle. Ich habe die Situation anders bewertet und versucht, unseren Standpunkt zu vermitteln. Es konnte mir zum Beispiel keiner erklären, warum ein Campingplatz sicherer sein soll als das Festivalgelände. Ein Anschlag ist überall möglich.

War es das, was die Behörden Ihnen gesagt haben: Wir erwarten einen Anschlag?

Uns wurde mitgeteilt, dass eine konkrete Gefährdungslage bestehe. Es gab Verdachtsmomente gegen zwei Mitarbeiter der sogenannten Site-Crew.

Was macht die Site-Crew?

Sie ist für Aufbauten rund um das Festivalgelände zuständig, stellt also beispielsweise die Absperrgitter auf, die sich zum Teil ja kilometerweit erstrecken. Angeblich soll der Bruder einer der beiden Verdächtigen ein einsitzender Terrorist sein.

Und dann?

Dann haben wir selbstverständlich die Situation zusammen mit den Behörden bewertet. Die Polizei hatte offensichtlich einen Informationsvorsprung. Die Behörden haben die Situation anders eingeschätzt. Nach den Untersuchungen hat sich der Verdachtsmoment erfreulicherweise nicht erhärtet.

Halten Sie es denn für eine Überreaktion, dass das Festival wenigstens für den Moment ausgesetzt wurde?

Ich möchte natürlich auch kein Risiko eingehen, weshalb wir selbstverständlich unverzüglich sämtliche angeordneten Maßnahmen zu einhundert Prozent implementiert haben.

Aber Sie werden mit sich gerungen haben. Wie sah denn die Abwägung Sicherheit vs. Weitermachen in Ihnen aus?

Sicherheit hat immer absoluten Vorrang. Aber im Moment gibt es überall eine latente Bedrohungslage - bei allen Veranstaltungen, auf allen öffentlichen Plätzen. Absolute Sicherheit kann nirgendwo gewährleistet werden. Wir müssen die Verhältnismäßigkeit im Blick behalten. Das ist eine schwierige Balance. Der Anschlag von Manchester ereignete sich zum Beispiel auch nicht in der Halle, sondern auf dem Vorplatz. Er hätte aber auch in der U-Bahn passieren können. Es ergibt sich die Frage, wie weit die Abschirmung bei Veranstaltungen gehen soll. Wir können uns ja nicht vollständig abschotten. Für mich sind da auch die Behörden gefordert - und zwar an einer ganz anderen Stelle.

Bei der Inhaftierung von Gefährdern, wie Sie in einer ersten Pressekonferenz gefordert haben?

Die Behörden müssen ihre Aufklärungsarbeit insbesondere bei dem Ausfindigmachen von und dem Umgang mit Verdächtigen verbessern. Wir sehen im Fall Amri doch, was teilweise für Lücken vorhanden sind.

Einer Ihrer Vorwürfe auf der Pressekonferenz lautete: "Ich glaube, dass wir hier für das büßen müssen, was im Fall Amri oder anderen zu wenig getan wurde." Das sehen Sie immer noch so?

Das ist sicherlich etwas überspitzt formuliert gewesen. Was ich meinte ist, dass man auch nicht in die Versuchung geraten darf, in vorauseilendem Gehorsam das wiedergutzumachen, was in der Vergangenheit eventuell falsch gemacht wurde. Das hilft doch keinem.

"Wissen Sie, ich stehe da im Sturm. Inmitten der Journalisten."

Haben Sie sich von den Behörden schlecht betreut oder informiert gefühlt?

Nein, das kann ich nicht sagen. Sie haben mir ihre Sicht der Dinge dargelegt und ich ihnen meine.

Wie viel Einfluss auf die Sicherheit hat man denn als Veranstalter?

Wir entsprechen dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis. Und nehmen die Gefahren stets sehr ernst. So haben wir beispielsweise die Anzahl der Ordner und die Einsatzzeiten erhöht. Wir beobachten die Veranstaltungsstätten und deren Umgebung mit Spottern und Profilern. Jeder Besucher muss sich einer gründlichen Kontrolle unterziehen und darf nur noch die Utensilien mitnehmen, die er unbedingt benötigt. Dennoch, einhundert prozentige Sicherheit wird es nie geben.

Sicherheit bei Veranstaltungen ist also eine Illusion?

Wir tun, was notwendig ist - und mehr. Der unfassbar friedliche und disziplinierte Abgang von 85.000 Menschen in nur 15 Minuten hat dies gezeigt. Sicherheit ist eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten.

Machen Sie Backgroundchecks der Leute, die für Sie arbeiten?

Wir registrieren unsere Mitarbeiter und wir geben der Polizei auf Anforderung Listen. Bei 4000 Menschen können Sie sich vorstellen, dass dies nicht gerade einfach ist.

Sie haben bei Ihrer gestrigen Pressekonferenz im Eifer des Gefechts sehr schnell einen islamistischen Hintergrund angenommen - und daraus auch eine Art Vorwurf abgeleitet: "Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit 'This is not my Islam.' (...) Jetzt ist der Moment, wo jeder sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten."

Angenommen habe das nicht ich, sondern die Behörden. Man hatte mich informiert, dass die festgenommenen Personen zur salafistischen Szene gehören.

Und der Vorwurf?

Wissen Sie, ich stehe da im Sturm. Inmitten der Journalisten. Alleine. Ich bin hoch emotionalisiert, Reporter bedrängen mich. Es kann gut sein, dass ich da etwas übers Ziel hinausgeschossen bin. Ich erwarte jedoch von allen Beteiligten eine eindeutige Gegnerschaft zu Gewalt und Terror. Nach meiner Wahrnehmung haben es die Menschen muslimischen Glaubens bisher leider weitgehend versäumt, dies auch in entsprechenden Demonstrationen zu artikulieren.

Daran kann sich eine gewaltige Kulturdiskussion entzünden.

Ich kann verstehen, dass Menschen sensibel drauf reagieren. Aber ich finde die Zeiten erfordern, dass wir - und zwar wir alle - uns positionieren und uns wehrhaft zeigen gegen Gewalt und Fanatismus. Und ich habe ja niemanden ausgegrenzt. Es wird auf Dauer nicht helfen, wenn wir nach Anschlägen nur Denkmäler wie das Brandenburger Tor oder den Eifelturm in Nationalfarben anstrahlen. Mir ist übrigens noch sehr wichtig zu betonen, dass der Vorwurf, ich hätte bei dieser Pressekonferenz aus betriebswirtschaftlichen Interessen heraus versucht, eine Absage zu verhindern, Unsinn ist.

Weil Sie versichert sind?

Richtig. Wir sind gegen Terrorismus versichert. Mir ging es bei dem, was ich gesagt habe, ausschließlich um die Fans und um das Festival. Und darum, eine richtige Entscheidung herbeizuführen. Meine Söhne und ich waren übrigens die ganze Zeit über dort, wo das Epizentrum eines Anschlags vermutet wurde. Und ich war der Letzte, der hier vom Gelände gegangen ist!

Anmerkung: Der Anschlag auf das Konzert von Ariana Grande in Manchester fand genau genommen nicht vor der Halle statt, sondern im Foyer.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3533735
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/mikö
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.