Literaturnobelpreis Warum Dylan bei seiner Nobelpreisrede singen müsste

Bob Dylans Lyrics sind in immer neuen Editionen zu Büchern geworden, aber seine Autorschaft ist die des Singer-Songwriters geblieben.

(Foto: dpa)

Kaum ein Popmusiker hat mehr Literatur in sich aufgesogen als Bob Dylan. Und doch wäre es ein Missverständnis, den Writer isoliert vom Singer-Songwriter zu betrachten.

Von Lothar Müller

Bob Dylan hat große Teile seines schriftlichen Vorlasses und viele Dokumente an das Archiv der University of Tulsa, in ein Literaturarchiv gegeben. Nicht das schwedische Nobel-Komitee, das ihm nun den Nobelpreis für Literatur zuerkannt hat, sondern er selbst hat sich als Poet erfunden. Er ließ Ezra Pound und T. S. Eliot in "Desolation Row" auftreten, antwortete in "When the Ship comes in" auf die Seeräuber-Jenny von Bertolt Brecht und machte ihm im Englischen in der Disziplin "Stimmenimitation der Bibel, vorzüglich des Alten Testaments" Konkurrenz. Ganz zu schweigen von den offenkundigen und untergründigen Anleihen bei Shakespeare.

Wie bei den alten Griechen

Kurz, es dürfte kaum einen Singer-Songwriter geben, der mehr Literatur in sich aufgesogen hat als Bob Dylan. Sehr schnell war Sara Danius, die Sprecherin der Jury, denn auch bei den alten Griechen, als sie leicht verwundert gefragt wurde, wieso denn der Musiker Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhalte. Homers Epen, sagte sie, und die Lyrik der Sappho seien für den Vortrag geschrieben, durchaus auch mit Instrumenten, und sie seien zugleich Literatur. In dieser Tradition stehe Bob Dylan, und zudem sei er ein "great Poet in the english tradition".

Das klingt gut, denn ist nicht in der Tat die Lyrik erst in der Moderne eine Schriftkunst geworden, die in ihren Versmaßen und Reimen nur noch auf dem Papier an die Rhapsoden und den Tanz erinnert, mit denen sie in den alten Zeiten verbunden war? War nicht die Muse, die am Beginn der Epen Homers angerufen wurde, mit der Mündlichkeit im Bunde? Und lässt sich nicht der Singer-Songwriter und Performer Bob Dylan in der Langzeitperspektive als ein moderner Wiedergänger des Orpheus begreifen, der die Lyra durch die elektrische Gitarre ersetzt hat?

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Texte zur Musik und an die Musik gebunden

Ja, das klingt gut. Aber es überspringt eine Unterscheidung, die im angelsächsischen Raum parallel zum Aufstieg der Rock- und Popmusik und ihrer Singer-Songwriter entstand: die zwischen lyrics und poetry. Das war kein pedantisches Schubladendenken und auch nicht die Herstellung einer Hierarchie, in der die Dichtkunst über den Texten auf Schallplattenhüllen stand. Die Unterscheidung sagt nur: Poetry steht für sich, als Wortmusik, die auch dann, wie Allen Ginsbergs "Howl" mit der Schrift und dem Buch verschwistert ist, wenn der Autor mit ihr eine Performance gibt. Lyrics sind Texte zur Musik, sie bleiben auch dann an die Musik gebunden, wenn sie, wie Bob Dylans "Desolation Row", auf Plattenhüllen oder in Büchern gelesen werden.

Kurz, man kann nicht den "Writer" aus dem "Singer-Songwriter" herauslösen und isoliert auszeichnen. Dylan ist weder für Lesungen seiner Texte berühmt noch für den Roman, den er geschrieben hat, und seine autobiografischen "Chronicles" hat die Nobelpreisjury nicht ins Zentrum ihrer Begründung gerückt. Seine Lyrics sind in immer neuen Editionen zu Büchern geworden, aber seine Autorschaft ist die des Singer-Songwriters geblieben. Er hat, anders als die deutschen Balladendichter des 19. Jahrhunderts, nicht Balladen geschrieben, die dann vertont wurden. Er hat sie für sich und seine Musik geschrieben.