Kulturgeschichte der Geliebten "Ich suchte mir selbst einen Mann, den meine Augen erwählten"

Das Falkenlied des Dietmar von Aist, um 1150, ist ungewöhnlicherweise aus weiblicher Sicht geschrieben und über die Zeiten ein anrührendes Zeugnis, dass die Liebe nicht dort hinfliegt, wo die geltenden Moralvorstellungen sie haben wollen:

"Wie gut für dich, Falke, wie du bist!

Du fliegst wohin du möchtest:

Du wählst dir in dem Wald,

einen Baum, der dir gefällt.

So habe es auch ich getan:

Ich suchte mir selbst einen Mann,

den meine Augen erwählten.

Das neiden mir schöne Frauen.

Oh weh, dass sie mir meine Liebe

nicht lassen?"

Zum guten Ton gehörte die (oder der) Geliebte im Zeitalter des Barock und der absolutistischen Monarchen. Weder wahre Liebe noch nackte Triebe galten viel, wenn die Staatsräson zu Zweckheiraten zwang. Die Mätresse, die Meisterin, bot den Ausgleich, sie wurde zur offiziellen Person am Hofe. Und die Kirche? Ihre Würdenträger hielten sich meist selbst Mätressen - was im 16. Jahrhundert dazu beigetragen hatte, den Protestantismus mit seinen Klagen über den verderbten Klerus glaubhaft zu machen und ihm einen puritanischen Grundzug zu verleihen, der in den USA noch heute durchschimmert.

"Das Weib allein kennt wahre Liebestreue", heißt es in Schillers Turandot, doch am Hofe Ludwigs XIV. in Versailles war es der Marquis de Montespan, der offen die Untreue seiner als Mätresse tätigen und als "Königin der Sinne" gefeierten Ehefrau beklagte, er lief sogar in Trauerkleidung herum. Das Schicksal der Mätressen freilich war sehr ungewiss. Viele wurden, sobald der hohe Herr ihr oder ihrer Schwangerschaften überdrüssig war, verstoßen oder mit einem Almosen abgefunden.

"Madame sein ist ein ellendes Handwerck", klagte Liselotte von der Pfalz, durch eine der üblichen Pflichtheiraten an den Hof ihres Schwagers Ludwigs XIV. verschlagen. Sie machte in ihren Briefen übrigens keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Marquise de Maintenon, mit welcher der Sonnenkönig gar eine unstandesgemäße Ehe einging: "Alte Zott, eine Hexe und eine Rompompel". Am Hof galt die Maintenon als "die Sultanin".