Kulturgeschichte der Geliebten Die Dirne bleibt straffrei

Frauen wurden mit wesentlich strengerem Maß gemessen als die Männer, welche auch in der Antike das Leben dominierten. Dennoch bot Rom zumindest Frauen oberer Schichten Freiräume, die im christlichen Mittelalter unvorstellbar gewesen wären. In der Regentschaft des Augustus, wie Tacitus verblüfft berichtet, umging die Dame Vistilia aus vornehmster Prätorenfamilie die Ehegesetze, indem sie sich amtlich als Dirne registrieren ließ - nur zu dem Zweck, sich straffrei mit ihren Lovern vergnügen zu können.

Zu den schönsten Dichtungen der Antike gehören die "Heroiden" von Ovid, der Poet lässt darin die Frauen die Treulosigkeit ihrer Männer beklagen. Symbolträchtig sprechen Heldinnen der klassischen Dichtung wie Phyllis, die Tochter des Königs von Thrakien, die sich selbst den Tod gibt, als Demophoon, ihr Bräutigam, von der Reise nach Athen nicht zurückkehrt:

"Manchmal fasste mich Furcht, dass Du schiffbrüchig versenkt wärest ins schäumende Meer. Und oft, wenn günstig den Wind für Himmel und Meer ich erkannte, hab ich gesagt zu mir selbst: Lebt er, so kommt er gewiß!

Unlust hindert am Kommen Dich nur, nicht heilige Schwüre noch auch Liebe zu mir führen Dich wieder zurück.

Winden, Demophoon, hast Du die Worte gegeben und Segel. Zur Rückkehr, wehe mir, fehlt Segeln und Worten die Treu!"

Das Christentum brachte einen neuen asketischen Zug in die spätantike Gesellschaft, der dann auch das Mittelalter bestimmte; Demandt spricht "vom Triumphzug der Keuschheit". Die Ehe, bei Griechen und Römern eher ein lebensfernes Ideal, wurde sakrosankt. Die Unzüchtigen und Ehebrecher werden von Gott gerichtet, heißt es in Hebräer 13,4. Liebesheiraten indessen waren selten, Vermählungen dienten meist politischen Zwecken, außereheliche Beziehungen galten als Sünde. König Heinrich IV., in dessen unglücklicher Regentschaft die Kirche den Führungsanspruch des deutschen Kaisertums über die Christenheit erstmals offen herausforderte, war äußerst unglücklich mit seiner Frau, Bertha von Turin.

Zwei oder drei Kebsweiber

Seine Feinde in papstnahen Kreisen streuten mit wohligem Schauder Geschichten von Seitensprüngen und Geliebten, die nicht alle erfunden waren: "Zwei oder drei Kebsweiber hatte er zur gleichen Zeit, aber auch damit war er noch nicht zufrieden . . ." Heinrich erwiderte 1069, in für seine Epoche atemberaubender Offenheit, vor den Fürsten, "er könne ihr nichts vorwerfen, was eine Scheidung rechtfertige, aber er sei nicht imstande, die eheliche Gemeinschaft mit ihr zu vollziehen" (Bruno von Merseburg). Doch der Papst drohte mit Exkommunikation, es gab kein Entrinnen.

Im diesem 11. Jahrhundert wurde, auch als Folge der fundamentalistischen Reformbewegungen, die den Zölibat durchsetzten, das Verhältnis der Kirche zur Sexualität zunehmend neurotischer. Wie wenig der weltliche Adel geneigt war, sein Leben anzupassen, davon gibt der Minnesang mit seinen angeschmachteten Prinzessinnen und fatalen Seitensprüngen ein schönes Gegenbild: "Ez stuont ein frouwe alleine . . . ".