Kritik an "Je suis Charlie" in Frankreich Selbsttäuschung der Republik

Steckt mehr hinten den Charlie-Hebdo-Gedenkmärschen als Solidarität?

(Foto: dpa)

In Frankreich wird ein Demograf zum Störenfried der Solidaritätsgemeinde "Je suis Charlie": Er entdeckt im massenhaften Bekenntnis zur Meinungsfreiheit und zum Recht auf Blasphemie andere Motive - darunter Fremdenhass.

Von Joseph Hanimann

Beim spontanen Solidaritätsmarsch im Januar mit fast vier Millionen Teilnehmern unter der Parole "Je suis Charlie" glaubte das an sich zweifelnde Frankreich Selbstvertrauen, inneren Zusammenhalt und verlorene Kernüberzeugungen wiedergefunden zu haben. In der seither massenhaft verkauften "Abhandlung über die Toleranz" von Voltaire liest es nun nach, was unter jener "Charlie"-Parole verstanden werden soll. Falsch verbunden - wenden nun allerdings manche Intellektuelle ein: Voltaire sei keineswegs der richtige Mann für die Stunde.

"Voltaire ist unser gutes Gewissen und unser schlechtes Bewusstsein", erklärt Régis Debray in der Revue des Deux Mondes. Er hänge die allgemeinen Prinzipien wie Toleranz und Vernunft heraus, doch sei die Toleranz eine schwache Idee für schwache Zeiten wie die unsere - "für Monsieur Hollande ganz vorzüglich". Im Unterschied zu Rousseau, dessen Denken die künftigen Verwerfungen Europas vorweggenommen habe, hatte Voltaire laut Debray mit seinem Dauerappell ans aufgeklärte Subjekt keine Ahnung von dem, was die Geschichte antreibt, und dachte als Mann der Schlossgärten und europäischen Fürstenhöfe über sein Jahrhundert nie hinaus. Uns abendländischen Individualisten ist er mit seiner Lebensfreude, seinem Witz, seiner Provokationslust die angenehmste und doch zugleich, so Debray, unbrauchbarste Gesellschaft, denn "wir stoßen heute überall auf der Welt auf etwas, was in seinem Programm nicht vorgesehen ist: Gemeinschaftsreflexe, Stammesverhalten".

Ähnliche Ansichten hat auch der linke Philosoph Alain Badiou schon vertreten. Das wahre Licht der Aufklärung komme nicht von Voltaire, sondern von Rousseau, und Frankreich müsse nun wissen, ob es "sich auf die Seite des konstant fortschrittlichen und wirklich demokratischen Rousseau schlagen will oder auf die Seite des spitzbübischen Affäristen, des wohlhabenden skeptischen Spekulanten, Spötters und Genießers, der wie ein böser Geist in der Brust Voltaires wohnte" und der mit seinen Ausfälligkeiten gegen Jeanne d'Arc oder andere Religionsfiguren bewiesen habe, dass er philosophisch nicht weit sah.

Warum gingen Milieus auf die Straße, die für Blasphemie wenig übrig haben?

Der heftigste Schlag gegen das vermeintlich wiedergefundene republikanische Selbstverständnis Frankreichs kommt nun aber vom streitlustigen Demografen Emmanuel Todd. In seinem Buch "Qui est Charlie? Sociologie d'une crise religieuse" (Wer ist Charlie? Soziologie einer Religionskrise, im Seuil-Verlag) fordert er die Überzeugung heraus, "Je suis Charlie" sei vom Engagement für Toleranz, Meinungs- und Pressefreiheit beflügelt gewesen. Wer sind diese an sich sympathisch wirkenden Demonstranten, die einem Andersdenkenden so einhellig und kategorisch entgegentreten? - fragt er sich und tut dann, worauf er sich vom Beruf her versteht: Er vergleicht geografische Karten.

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Vier Millionen Demonstranten, das sei zwar eindrücklich, bei einer Bevölkerung von 60 Millionen aber doch sehr lückenhaft. Da sei nur ein halbes Frankreich auf die Straße gegangen. Die größte Anhängerschaft bei dem vor allem von der gebildeten Mittel- und Oberklasse getragenen Solidaritätsmarsch für "Charlie" fand er erwartungsgemäß in den Metropolen Paris oder Lyon und - überraschend - proportional auch in jenen Randgebieten des Westens und Ostens, die antilaizistisch, antirepublikanisch sowie - bis in die Nachkriegszeit - vorwiegend katholisch-konservativ geprägt sind und Dingen wie Gotteslästerung und freier Meinungsäußerung eigentlich feindlich hätten begegnen müssen.