Konzert in Zürich Patti Smith schreit noch

US-Sängerin Patti Smith im Volkshaus Zürich.

(Foto: dpa)

Wie die Urmutter des Punks bei jungem Publikum ankommt.

Von Charlotte Theile

Vor einigen Wochen soll sie in Frankfurt gerufen haben, die Leute sollten endlich ihre "fucking telephones" einstecken, ihre verdammten Handys, das muss sie an diesem Abend nicht tun. Wer Patti Smith mit ihrem 1975 erschienen Album "Horses" anschauen will, kommt nicht auf die Idee, sein Smartphone in die Höhe zu recken, das gehört sich einfach nicht. Seit Mai ist die "Urmutter des Punks" auf Tour, im Zürcher Volkshaus sind die Sitzplätze längst ausverkauft.

Unten aber stehen einige, die 1975 noch nicht oder gerade erst geboren waren. Warum sind sie hier?

Patti Smith, mit ausgebreiteten Armen, wallendem Haar und Strickjacke, liest in "Birdland" ein längeres Gedicht vor, mit Lesebrille. Der Song steigert sich zu einem beschwörenden, verzweifelten, psychedelischen Schreien. Fast alle Hände sind erhoben, wie zum Gebet. "In dem Moment hatte sie mich", sagt eine der jüngeren Besucherinnen später. Der Mythos Patti Smith, die Schamanin, ihre Konzerte wie Messen, das müsse man doch einmal mit eigenen Augen sehen. Smith ist 68, sehr oft wird sie nicht mehr auf Tournee gehen.

"Ich dachte irgendwie, so lange sei der Zweite Weltkrieg her"

Vierzig Jahre. Dass die Zeiten, von denen Smith singt, so lange her sind, ist schwer vorstellbar. Dann legt die Band mit einem Velvet Underground Medley nach, fünfzig Jahre sind seit der Gründung vergangen. "Ich dachte irgendwie, so lange sei der Zweite Weltkrieg her" murmelt einer. Er sei eben nicht zur Rückschau hier, keine Geschichtsstunde, einfach ein gutes Konzert. Die Energie und der Witz, den Smith, die mit "Horses" eines der einflussreichsten Alben der Rockmusik geschrieben hat, herüber bringt, sind beeindruckend, auch an diesem Samstagabend noch.

Irgendwann sagt sie an, die Platte, werde jetzt umgedreht, A nach B, "die Nadel berührt langsam das Vinyl".

Einer trägt Hut, eine Art Narrenkappe, immer wieder stößt er unkontrolliertes, freudiges Geschrei aus. Einige Ältere drehen sich verärgert zu ihm um, die Jungen scheinen ihn kaum zu bemerken. Der röhrende, tiefe, fast krächzende Gesang, Patti Smith, die ihre langen weißen Haaren vor und zurück schmeißt, "fucking corporations" anprangert, die verdammten Konzerne, den Menschen zuruft, wie frei sie seien, "We are fucking free", und klarstellt: "The earth belongs to mother nature", die Erde gehöre Mutter Natur.

Das hier sei "anders als alles, was man sonst sieht" sagt eine junge Frau, ein Kompliment.

Wer diese Generation ist, weiß man nicht

Trotzdem, gelegentlich lachen sie an den falschen Stellen, die Jungen. Etwa bei "Elegie", dem Lied, das Smith einst für Jimi Hendrix schrieb und das nun allen geliebten Toten gewidmet ist (auch Haustieren, wie Smith ausdrücklich erwähnt). Zwanzig dahingeschiedene Größen des Rock'n'Roll werden erwähnt, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, die vier Ramones-Brüder, Lou Reed.

"My Generation", der Bonus-Track, ein Cover von "The Who", ist der letzte Song an diesem Abend. Wer diese Generation ist, die Lebenden, die Toten, die, die mit "Horses" aufgewachsen sind, man weiß es nicht.

"Woran sind die eigentlich alle gestorben, die Ramones?", fragen sich die einen draußen auf dem Bürgersteig. Die anderen erwähnen beiläufig, sie hätten es "ziemlich routiniert" gefunden. Früher sei die Smith besser gewesen, intensiver. Aber das sei eben lange her.