Klimawandel im Kino Unsere Erde, immer nur schön

Ein Panda aus "Unsere Erde 2" - passt perfekt ins Bild der schützenswerten Natur. Unbequeme Wahrheiten werden ausgespart.

(Foto: Universum Film)

Der Eingriff des Menschen in die Erdgeschichte ist schon längst im Kino angekommen. Trotzdem beschwören spektakuläre Filme immer noch die unberührte Natur.

Von Philipp Bovermann

Um herauszufinden, ob man selbst gedanklich schon im Anthropozän angekommen ist, genügt ein einfacher Test. Nennen wir ihn vorläufig den "Unsere Erde"-Test.

So heißt eine Naturdoku-Serie, die von der BBC produziert wurde. Zwei Teile gibt es bisher, die sich nur minimal unterscheiden, es geht ohnehin immer ums große planetare Ganze. Die Filmhandlung jetsettet um die Welt und entdeckt spektakuläre Szenen: possierlich perlende Wassertropfen, weite Landschaften im Gegenlicht, Kolibris, die an Blüten nuckeln, Schwärme von Fischen, die stolz über Korallenriffe hinweggleiten, als hätten die britischen Filmkünstler ihnen eine Synchronschwimmer-Ausbildung verpasst. Den Erzählkommentar spricht in der deutschen Version des zweiten Teils Günther Jauch. Als es im Regenwald zu regnen beginnt, sagt er: "Auf die Baumkronen des Waldes geht ein Wolkenbruch nieder."

Wer bei diesen Szenen ein mulmiges Gefühl kriegt, der hat den "Unsere Erde"-Test bestanden. Es stellt sich ein, weil ein Faktor im "ewigen Kreislauf des Lebens" konsequent ausgespart bleibt: der Mensch. Erst zum Ende des zweiten Teils gelangen wir, über die Station leuchtender Glühwürmchen, in die dauerhellen Großstädte unserer Zeit, die von oben echtgroßartig aussehen. "Wir müssen uns nicht mehr im Dunkeln fürchten. Wir haben mithilfe der Elektrizität den ewigen Tag erschaffen", freut sich Jauch. Dann entlässt er uns aber doch noch mit einer letzten Mahnung: "Wir sollten lernen, dass die Zukunft allen Lebens auf diesem Planeten in unseren Händen liegt."

Man erkennt in diesem abschließenden Hinweis das klassische Erzählmuster in Natur- und Tierfilmen, das hier endgültig zynisch wird: erst Schwelgen in Korallenriffen, dann der Hinweis auf ihren nahenden Tod und mea culpa. Auf der einen Seite steht die Natur in ihrer keuschen Herrlichkeit, auf der anderen der Mensch mit seinem schlechten Gewissen. Wie Bambi mit Rehaugen scheint sie auf unsere Entscheidung zu warten, ob wir sie ausschlachten oder vielleicht großzügigerweise doch lieber schonen wollen. Diese Entmischung von menschlicher Ursache und planetarer Wirkung ist die Grundlage des Herrschaftsdenkens über die Natur. Sie wird uns als etwas Äußeres gegenübergestellt, als bedrohte Schönheit, uns auf Gedeih und Verderb übereignet. So wird aus der Erde "unsere" Erde. Aus dem existenziellen Gebot, sie zu bewahren, ein moralisches.

Als Filmemacher begannen, für den Naturschutz zu werben, taten sie das genau so, wenn auch natürlich mit edelsten Absichten. "Serengeti darf nicht sterben", forderte eine Kinodokumentation von 1959. "Die letzten Paradiese" wollten 1967 gerettet werden. Die veränderte Denkart, die man heute unter dem Anthropozän-Begriff zusammenfasst, bekam aber schon 1973 ihre Urszene. Nämlich in Richard Fleischers Spielfilm "Soylent Green", der den seltsamen deutschen Titel "... Jahr 2022 ... die überleben wollen" bekam.

Richard Fleischer stellte sich eine Erde vor, die durch die anhaltende Wirkung des Treibhauseffekts praktisch komplett zerstört ist. Der war damals nämlich schon bekannt. Die Böden geben keine Nahrung mehr her, stattdessen essen die Leute "Soylent Green". Woraus genau es besteht, ist ein streng gehütetes Geheimnis, aber der Held des Films entdeckt es: "Soylent Green" wird aus Menschen gemacht. Kurz bevor sie sterben, kriegen sie als Beruhigungsmittel noch einmal Filmaufnahmen zu sehen: Rehe, Wälder, Wiesen, glasklare Bäche. Nie hat die Natur schöner ausgesehen als zu dem Zeitpunkt, an dem es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Heute existieren tatsächlich keine Orte auf der Erde mehr, an denen der Einfluss des Menschen nicht auf irgendeine Weise messbar wäre, während sich im Film die reinen Naturwunder überschlagen. Man könnte den "Unsere Erde"-Test also auch "Soylent Green"-Test nennen.

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Im Anschluss an Fleischer wuchs eine künstlerische Sensibilität für diese Problematik. Anstatt die Macht des Menschen und die Ohnmacht der Natur einander gegenüberzustellen, begannen die Filmemacher nun, die Gleichung zwischen beiden aufzumachen. Der amerikanische Film "Koyaanisqatsi" von 1982 tat das ohne Audiokommentar, nur mit dem Mittel der Montage. In langen Einstellungen rauschen erst Wolken über Felsformationen am Betrachter vorbei, später Autos auf Autobahnen, Würstchen auf einem Fließband, Aufnahmen eines verdreckten Strandes, nukleare Detonationen. Die menschliche Zivilisation ist Teil der Natur und zugleich eine sie verändernde Kraft, so die Botschaft, die sich mithilfe eines nervös kreisenden Soundtracks von Philip Glass in die Hirne schraubt. Spätestens hier begann im Kino endgültig das Anthropozän.