Kirche und Staat in Russland Die unheilige Allianz

Russian Prime Minister Vladimir Putin attends Orthodox Easter celebrations at the Christ the Savior Cathedral in Moscow early on April 15, 2012. AFP PHOTO/ RIA-NOVOSTI/ POOL/ ALEXEY DRUZHININ

(Foto: AFP)
  • Fromme Eiferer und Kirchenleute in Russland verhindern im Namen der Religion Konzerte und Ausstellungen. Putin arbeitet derweil an einer Allianz zwischen Staat und orthodoxer Kirche.
  • Beide, Putin und die orthodoxe Kirche wollen von einer "Symphonie der Kirche, des Staates und der Gesellschaft" profitieren. Doch im 21. Jahrhundert fehlt dieser "Symphonie" die Glaubwürdigkeit.
  • Um seine imperiale Neurussland-Ideologie zu stützen, vergreift sich Putin auch an Zitaten des regimekritischen Religionsphilosophen Berdjajew aus der Sowjetzeit. Der hatte aber ironischerweise vor einem totalitären Staat gewarnt, der selbst Kirche sein und die Seelen beherrschen wolle.
Von Tim Neshitov

Manchmal muss sich Russlands Präsident Wladimir Putin wohl für seine glühendsten Bewunderer fremdschämen. Witalij Milonow, ein Abgeordneter des Sankt Petersburger Stadtparlaments und ein sehr gläubiger Mensch ("Wir orthodoxe Christen sind im Besitz der absoluten Wahrheit") nahm vor ein paar Jahren an einem Streitgespräch mit einem Atheisten teil. Der Atheist fragte ihn, wie Milonow sich rechtgläubig nennen könne, wenn er nicht einmal die Werke des Heiligen Pygidium gelesen habe. Milonow entgegnete, selbstverständlich habe er sie gelesen.

Ein Heiliger Pygidium habe aber nie gelebt, merkte der Atheist an. Pygidium heißt auf Latein der hinterste Körperteil bei Ringelwürmern und Käfern, auf deutsch: Afterdecke.

Der Abgeordnete Milonow trat daraufhin nicht zurück. Er bleibt aktiv und findet dank Staatsmedien auch landesweite Beachtung. Er besprüht Schwule und Lesben auf der Straße mit Brillantgrün, einem in Russland verbreiteten Antiseptikum. Er sammelt Hilfe für Separatisten in der Ukraine, er posierte im Donbass mit einem Flammenwerfer, in einem über den opulenten Bauch gespannten T-Shirt mit der Aufschrift: "Rechtgläubigkeit oder Tod".

Radikale Christen tragen Kulturkampf in die schönen Künste

Milonow gehört zu jenen Christen, die den Kulturkampf in Russland immer wieder in die schönen Künste tragen. Er verhinderte in Petersburg ein Konzert der erfolgreichsten ukrainischen Band Okean Elsy. Die Band singt überwiegend über Liebe, aber eben in der Sprache des Feindes.

An die breite Öffentlichkeit gelangen ohnehin vor allem Geschichten von tatkräftigen Gläubigen, die Ausstellungen und Theateraufführungen stürmen, die sie als blasphemisch empfinden. Künstler landen auf der Anklagebank. Zuletzt mussten der Intendant und ein Regisseur der Nowosibirsker Oper (vier Flugstunden östlich von Moskau) vor Gericht, weil der dortige Metropolit sich an ihrer "Tannhäuser"-Inszenierung störte. Dem Geistlichen gefiel nicht, dass sich der Held als Jesus verkleidet mit der Liebesgöttin Venus trifft. Milonow hat schon versucht Madonna, Rammstein und Lady Gaga wegen "Propaganda der Homosexualität" zu verklagen.

Eigentlich verkörpert der fromme Abgeordnete etwas, woran Wladimir Putin seit Jahren werkelt: den Bund zwischen Staat und Kirche. Aber als Vorbild taugt der Leser des Heiligen Pygidium nicht. Noch bitterer für Putin: Als moralisches, von Wählern und Kirchgängern mehrheitlich akzeptiertes Vorbild taugt auch im unmittelbaren Dunstkreis des Kreml niemand.

"Ein totalitärer Staat will selbst Kirche sein, er will Menschenseelen organisieren, über sie herrschen."

Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche? Er kommt gerne in den Kreml. Aber der Patriarch wurde schon mal mit einer 30 000 Euro-Breguet-Uhr fotografiert (peinlich), und er ließ diese Uhr nachträglich wegretuschieren (kontraproduktiv in Zeiten des Internets). Wladimir Putin selbst vielleicht? Er zündet gerne Kerzen in Kirchen an. Aber er blickt auch stolz und dankbar auf eine Karriere beim religionsfeindlichen KGB zurück.

Es ist ein ziemliches Dilemma für Staatschef und Patriarch. Kreml und Kirche sind zwar unter Wladimir Putin innigst miteinander verwachsen, so wie sie es zuletzt nur im Zarenreich waren. Der Kreml schätzt diese Symbiose, weil sie zusätzlichen Einfluss auf Bürger mit sich bringt; viele Menschen öffnen sich beim Beten nicht weniger als beim Fernsehen. Die Kirche wiederum erhofft sich eine endgültige Überlegenheit gegenüber konkurrierenden Konfessionen und noch wichtiger: gegenüber jedem, der auf den Gedanken kommen könnte, Religion sei Opium fürs Volk. Der Chef der PR-Abteilung der russisch-orthodoxen Kirche spricht deswegen von einer "Symphonie der Kirche, des Staates und der Gesellschaft".

Nur fehlt dieser Symphonie im 21. Jahrhundert jegliche Glaubwürdigkeit. Sie klingt schief. Noch schiefer sogar als unter Peter dem Großen im 18. Jahrhundert, als das Amt des Patriarchen abgeschafft wurde und die Kirche durch die Heilige Synode, eine staatliche Behörde, gelenkt wurde, wobei jeder in dieser Hierarchie wusste, woran er war. Im 19. Jahrhundert noch segnete die Kirche Leibeigenschaft als gottgewollt ab; die meisten Russen (das waren die leibeigenen Bauern) konnten weder lesen noch schreiben. Heute können beinahe alle Russen lesen und schreiben, dank der Bildungsreform der Sowjets.

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