Kino Unerhörtes sichtbar machen

Edgar Reitz ist ein experimenteller Regisseur und großer Chronist. Das Filmhaus Nürnberg würdigt den 85-Jährigen mit einer Werkschau

Von Fritz Göttler

Er ist ein Sammler, ein Chronist, und sein Interesse an Geschichten aus aller Welt und aus allen Zeiten ist unerschöpflich bis heute - er ist am 1. November des vorigen Jahres 85 geworden. In den Fünfzigern begann er in München kleine Dokumentar- oder Experimentalfilme zu drehen, "Gesicht einer Residenz" hieß der erste, später kam "Schicksal einer Oper", dann Filme zu den Themen Krebsforschung, Baumwolle, Binnenschifffahrt. In den Sechzigern war er eine der energischen Kräfte hinter dem Oberhausener Manifest, das eine Gruppe von Filmemachern 1962 bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen vorstellte und diskutierte, mit dem sie dem deutschen Nachkriegskino einen Neubeginn verpassen, sich selbst in die Startposition bringen wollten.

Der eifrigste Mitstreiter war Alexander Kluge, mit dem Reitz viele Jahre sehr eng zusammengearbeitet hat. Reitz war Kluges Kameramann bei dessen erstem großen Film "Abschied von gestern", gemeinsam haben sie hier jene aufregende Mischung von Fiktivem und Dokumentarischem, Gespieltem und Gefundenem geschaffen, die das Kluge-Kino (und später: -Fernsehen) ausmachen sollte. Gemeinsam haben sie auch den Filmunterricht an der Hochschule für Gestaltung in Ulm begründet und gestaltet - bis heute gibt es diese Verbindung in der Arbeit von Reitz von Filmen, Lehren und Streiten für bessere Produktionsbedingungen. Für ihn ist es zum Beispiel ein großes kulturelles (und kulturpolitisches) Defizit, dass es keinen Filmunterricht an den Schulen gibt. Im Jahr 1974 haben Reitz und Kluge wieder an "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" gemeinsam gearbeitet, das (Über-)Leben in der Bundesrepublik dokumentiert. 1978 haben sie dann, gemeinsam mit vielen anderen Filmemachern "Deutschland im Herbst" auf die Beine gestellt, über Baader-Meinhof und den "Deutschen Herbst".

Frühe Provokation: "Geschichten vom Kübelkind" (1971) hießen die Kurzfilme, bei denen sich Ula Stöckl und Edgar Reitz erlaubten, mit den Regeln des Kinos und mit gesellschaftlichen Werten zu brechen.

(Foto: Edgar Reitz Filmproduktions GmbH)

All die Erfahrungen, die Reitz - lehrend, filmend und experimentierend - machte, sind dann in seinem großen Lebensprojekt "Heimat" zusammengekommen. Ein unerhörtes Stück, fürs Kino zu groß, schon von der Erzählzeit her, er musste es fürs Fernsehen drehen. Aber man spürt, dass sein Regisseur fürs Kino lebt und weiter ans Kino glauben möchte. Im Jahr 1984 gab es die erste Serie, "Heimat - Eine deutsche Chronik", zwölf Teile, die vom Leben im Hunsrück erzählen, wo Reitz geboren ist, ausgehend vom Jahr 1919. 1992 kam dann "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend", über die Jahre in München, in den Sechzigern. 2004 gab es "Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende", die vom letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts erzählt. Im Jahr 2013 kam dann, Epilog und Prolog gewissermaßen in einem, "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht", über die Auswanderung nach Nord- und Südamerika aus dem Hunsrück im 19. Jahrhundert.

Der gewaltige Erfolg der "Heimat", auch international, hat das übrige Werk von Reitz ein wenig in den Schatten gestellt. 1966 hatte er seinen ersten eigenen Spielfilm gedreht, "Mahlzeiten", die genaue, zärtliche, realistische Geschichte einer Ehe und einer Liebe. Der Film eröffnet die große Werkschau an diesem Freitag in Nürnberg. Zum Leben, wie es hier in seinen Episoden und Details gezeigt wird, gehörten allemal auch die Visionen und Vorstellungen und Hoffnungen, die das junge Paar Elisabeth und Rolf hatte. Rolf, der für seine Familie und die vielen Kinder nicht mehr gut sorgen kann, leitet Abgase in seinen VW Käfer. Elisabeth geht nach seinem Tod mit einem neuen Ehemann in die USA. Die Hoffnung ist so gewaltig, dass es schmerzt. "Es ist wunderschön", schreibt sie, "nochmals ein neues Leben und eine neue Liebe erleben zu dürfen, noch dazu in einem fremden Land, in dem kleinen einsamen Haus mit Garten."

Der Kreis, der hier ansetzt, wird weiterlaufen über die Geschichten der "Heimat", auch in der Offenheit des Erzählens. In seinen weiteren Spielfilmen - das Künstler-Drama "Cardillac", die Argonauten-Version "Das goldene Ding" - bringt Reitz diese Offenheit weiter ins Spiel, ganz wie in seiner Arbeit mit Alexander Kluge, danach verliert er sich in historisch-hermetischen Geschichten, die an klassisches Kostümkino erinnern, "Die Reise nach Wien", mit Elke Sommer und Hannelore Elsner, oder "Der Schneider von Ulm".

In Kluges Geschichten-Buch zum Kino kommt natürlich auch Reitz vor, es gibt ein tolles Foto, das beide vor jugendlicher Dynamik strotzend zeigt. Die Erinnerung ist lebendig, in der Arbeit, die sie fürs deutsche Kino machten. "Das erste Bedürfnis, das zusammen entsteht" schildert Reitz seine Vorstellung von Familie, "ist, dass keiner vergessen werden darf. Und dieses Gefühl, dass keiner vergessen werden darf, ist das eigentlich epische Gefühl."

Edgar Reitz - die große Werkschau, Freitag, 5. Januar, bis Sonntag, 4. März, Filmhaus Nürnberg