Kino Die fetten Jahre sind vorbei

Noch geht der Kino-Kapitän Matthias Helwig nicht von Bord: Die cineastische Dampferfahrt soll es beim Fünf-Seen-Filmfestival auch weiterhin geben.

(Foto: Nila Thiel)

Matthias Helwig verliert eines seiner Lichtspielhäuser und krempelt sein Fünf-Seen-Filmfestival um. Ein Gespräch über den Stellenwert des Kinos und verpasste Chancen beim Filmfest München.

Interview von Bernhard Blöchl

An diesem Samstag schließt das Kino Breitwand in Herrsching. Nach 19 Jahren, 20 000 Vorstellungen und 4000 Filmen gibt es von 15 Uhr an ein großes Abschiedsfest. Exemplarisch für die Branche befindet sich der Betreiber Matthias Helwig in einer Umbruchphase: Die Besucherzahlen sind rückläufig, die Zukunft in seinem Starnberger Kino ungewiss, und sein defizitäres Fünf-Seen-Filmfestival muss sich 2018 an einem neuen Termin Anfang September behaupten. Im Gespräch blickt der Absolvent der Filmhochschule, Jahrgang 1960, zurück und nach vorn.

SZ: Mit dem Kino in Herrsching begann 1999 Ihr großer Aufschwung zum Kino-Regenten der Region. Innerhalb weniger Jahre eröffneten Sie Häuser in Herrsching, Seefeld (1999) und Starnberg (2002). Wie war das möglich?

Matthias Helwig: Ich habe damals viel Glück gehabt. Ich habe 1986 angefangen, vor Herrsching ja noch in Gilching, und zu dieser Zeit begann auch die Zeit des Arthouse- und Programmkinos. Ende der Neunziger gab es viele tolle Filme. "Truman Show", "Central Station", "Lola rennt", "Die rote Violine", um nur ein paar zu nennen. Das waren extrem starke Kinojahre, auch für Arthouse. Und es gab noch nicht so viele Kinos, die sich darauf spezialisierten.

Im ersten Monat 1999 kamen monatlich 4000 Besucher in Ihr Herrschinger Kino, zuletzt waren es nur noch etwa 1000. Wie erklären Sie sich das?

Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen hätte das Herrschinger Haus schon vor Jahren renoviert werden müssen. Der andere Punkt ist der gesellschaftliche Wandel. Kino hatte früher einen völlig anderen Stellenwert. Jeder Mensch braucht heute, wenn er Bilder sehen will, nur irgendwelche Knöpfe auf seinen Geräten drücken. Er kann es sogar billiger haben, Netflix kostet nur zehn Euro. Ich bin selbstverständlich ein Kinoliebhaber. Für mich würden diese Dinge das Kinoerlebnis nie ersetzen. Aber die Zahlen sind ernüchternd: Heute ist man froh, wenn ein Film mehr als 250 000 Zuschauer hat. "Jenseits der Stille" etwa hatte damals 1,2 oder 1,3 Millionen Besucher. Der würde heute im Bestfall 200 000 kriegen. Deswegen ist der Film nicht schlechter. Es ist ja leider Fakt, dass jeder Deutsche, statistisch gesehen, nur 1,5 Mal ins Kino geht pro Jahr. Das kann man gut runterbrechen: In Herrsching hast du 10 000 Einwohner, dann kommt man in etwa auf die Zahlen, die wir zuletzt hatten.

Sie schwärmen von vergangenen Kinojahren. Wie steht es um die Qualität heute?

Die Filmbranche macht Fehler. Man hypt Serien. Dort engagiert man die besten Leute, das heißt, man zieht sogar die Kreativität ab. Und im Kino sollen dann die irgendwie geförderten Debütfilme laufen. Ich sage aber: Kino ist Premium. Du zahlst nun mal Geld dafür, du willst was haben, und du darfst nicht allzu oft enttäuscht werden. Das ist wie in der Gaststätte. Du musst den Leuten etwas bieten. Mein Eindruck ist: Es kommen nicht immer die besten Filme ins Kino. Das sind durchgeförderte Filme, die Geld kriegen, und dann müssen sie irgendwann - sonst werden sie nicht gefördert - im Kino erscheinen. So bekommen die Leute Mittelware.

Was wären Auswege? Die Streaming-Geschichte hat ja erst begonnen ...

Wenn man sagt, dass Kino Premium ist, muss man die tollsten Sachen ins Kino bringen. Manchmal denke ich mir, dass die Förderung stark verändert werden müsste. Da kommt nichts Innovatives mehr raus. Mir werden Filme angeboten, da frage ich mich: Hat der Regisseur denn keine Filmbildung? Radikal gedacht: dann halt keine Förderung mehr! Es werden sich trotzdem die durchsetzen, die wirklich etwas zu erzählen haben. Die ihre Geschichte haben. Derzeit reden meines Erachtens zu viele Redakteure oder Menschen mit, die nicht mehr ins Kino gehen oder nicht mehr Großes für das Kino wagen.

Ihr Vertrag in Herrsching ist ausgelaufen, der Vermieter hat Eigenbedarf angemeldet. In Starnberg droht Ihnen eine ähnliche Entwicklung. Zwar läuft Ihr Vertrag im Portobello-Haus bis 2024. Es bleibt aber unklar, was mit dem Haus passiert, das der Sparkasse gehört und die es verkaufen möchte. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft in Starnberg?

Die Sparkasse hat mir zugesichert, dass sie den Vertrag bis 2024 einhält. Es ist trotzdem so, dass das gesamte Haus leer steht, seit eineinhalb Jahren. Das ist keine tolle Sache. 2024 hört sich nach viel Zeit an, aber sechs Jahre vergehen schnell.

Gab es nicht Zusagen, dass es mit dem Kino in Starnberg auch langfristig weitergehen soll?

Wenn das Haus hier verkauft wird, wird es meiner Meinung nach bis 2024 stehen bleiben, und dann wird es möglicherweise abgerissen. Ganz einfach. Bis dann ein neues Kino hier steht, vergehen nach heutigem Stand zwei bis drei Jahre, mindestens. Dann wären wir schon bei 2027. Starnberg hätte zwei bis drei Jahre kein Kino, ich selbst bin dann im Rentenalter. Da müsste es dann einen Nachfolger geben.

Wie sind denn die Zahlen in Ihrem jüngsten Kino, dem einzigen, dessen Haus Ihnen selbst gehört?

Die Zahlen von Gauting werden besser und entwickeln sich dorthin, wo ich gedacht habe, dass es hingehen wird. Wir haben etwa 85 000 bis 90 000 Besucher pro Jahr. In Starnberg hatten wir zuletzt 60 000, das war im schlechten Kinojahr 2017. Was ich allerdings nicht bedacht habe: Aus Starnberg oder Seefeld ziehen wir selbst sehr viel Publikum ab. Dort habe ich Rückgänge von 25 bis 30 Prozent.

2018 ist auch deshalb einschneidend, weil Sie Ihr Fünf-Seen-Filmfestival neu aufsetzen. Der neue Termin Anfang September soll Sie aus dem "Hochrisikobereich" bringen, wie Sie die bisherige Platzierung im Ferienmonat August genannt haben. 2017 kamen 3000 Leute weniger als im Jahr zuvor, Sie hatten privat ein Minus von 30 000 Euro zu tragen.

Das hatte ich 2015 und 2016 auch. Mein Steuerberater sagt mir immer wieder: Lassen Sie das, das ist völliger Blödsinn!

Wie können Sie sich das leisten?

Klar, das ist mein privates Geld. Geld allerdings, das ich mit dem Kino Breitwand verdient habe, also abfangen kann. Früher, als wir das Festival und Breitwand noch nicht getrennt hatten - die GmbH gibt es ja erst seit 2015 -, fiel das nicht so auf.

Hatten Sie je den Gedanken, hinzuschmeißen?

Ja, es gab so Momente, natürlich, aber dagegen steht einfach die Liebe zum Film oder die Freude des Publikums, und am Ende sind die 30 000 Euro ja auch eine Investition in Werbung für die eigenen Kinos.

Wenn jetzt jemand ohne Kino-Kette im Rücken das Festival machen würde ...

... könnte er es nicht. Es funktioniert nur mit meinen Kinos. Weil es auch als Werbung funktioniert. Dann ist es nicht so schlimm, wie es sich für Sie anhört.

Was stimmt Sie optimistisch, dass das Festivaljahr 2018 ein gutes wird?

Wir haben eine viel straffere Kalkulation, ich verzichte auf Sachen, die ich nicht machen kann. Das Open-Air wird zeitlich ausgelagert, von 26. Juli bis 15. August, bleibt aber in der GmbH. Ob das jetzt gut geht, steht in den Sternen. Kein Mensch weiß, wie das Wetter wird.

Wird es die Dampferfahrt noch geben?

Ja, das ist ja unser Aushängeschild. Sie findet am 11. September statt. Da hast du sogar den Vorteil: Der Sonnenuntergang ist früher, dann wird es nicht so spät. Natürlich kann es auch kälter sein, man weiß es nicht. Vieles ist spannend. Wir haben einen neuen Termin, du weißt überhaupt nicht: Sind die Münchner schon da oder noch nicht, wir gehen ja auf das letzte Ferienwochenende. Endlich auch mal weiter weg vom Münchner Filmfest. Das war schon relativ nah bisher.

Klein, fein, vorbei: Das Kino in Herrsching schließt nach 19 Jahren.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wie viele Besucher müssten kommen, damit Sie plus minus null rausgehen?

Mit 20 000 Besuchern kommt das in etwa hin. Wir müssen halt noch an anderen Dingen einsparen, am Personal zum Beispiel. Und das ist schwierig. Weil viele schon an der unteren Lohngrenze arbeiten. Die Förderung der Kultur, hier der Filmkultur, ist in manchen Gemeinden eben noch nicht angekommen.

Angeblich gibt auch der FFF Bayern erstmals einen Empfang beim FSFF. Ist das schon bestätigt?

Ja, am 14. September, das ist eine schöne Aufwertung für unser Festival. Er gibt ja nur beim Filmfest München, in Hof und beim Dok-Fest Empfänge. In den vergangenen Jahren war das vom Termin her nicht möglich gewesen. Jetzt bin ich bloß gespannt, wer das dann macht ...

Sie spielen auf den Geschäftsführerwechsel beim FFF Bayern an. Noch ist nicht klar, wer auf Carolin Kerschbaumer folgen wird, die kürzlich nach nur wenigen Wochen zurück in die Staatskanzlei gewechselt ist. Wäre das nicht ein Posten für Sie? Dann könnten Sie die Filmförderung umkrempeln, wie Sie das wollen.

Nee! Ich glaube, dafür bin ich zu unbedeutend und zu alt. Oder zu unabhängig. Ich bin kein Mann der Verwaltung oder dauernder Empfänge. Aber vielleicht wäre das ja langfristig ein Job für die Münchner Filmfestchefin Diana Iljine?

Stimmt es, dass Sie sich wie Iljine für das Filmfest München beworben haben?

Ja, aber es war von vorneherein klar, dass sie eine Frau wollen. Ich hätte das Festival anders gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass man eher auf Qualität setzen muss als auf Glamour. Der Glamour kommt dann schon, wenn du die Qualität hast.

Was hätten Sie mit Ihren Kinos gemacht, wenn Sie es geworden wären?

Das haben Sie mich damals auch gefragt. Das war wohl mein Knackpunkt. Im Ernst: Ich denke mal, ich hätte einen Geschäftsführer für das Kino installieren müssen. Klar, das wäre ein ganz anderes Leben geworden.

Für das Fünf-Seen-Filmfestival haben Sie die hübsche, aber unrealistische Vision formuliert, beim "Undosa" eine Art Filmstadt mit zwei Kinos und einer Lounge aufzubauen. Von so einem Festivalzentrum träumen auch die Münchner.

Was ich mir hier für das "Undosa" zusammenspinne, ließe sich auch für München verwirklichen. Und da wäre das Geld da, im Gegensatz zu Starnberg. Mich hat das echt gewundert, dass die Kollegin so etwas nicht gemacht hat. Man müsste dafür doch Sponsoren kriegen. Die großen Firmen sind doch an Visionen interessiert. Nach dem Motto: Wo ist der schönste Platz in München, an der Isar vielleicht, in den Isar-auen, in einem Park. Genau da baue ich dann ein Festivalzentrum mit zwei großen Sälen hin. Stattdessen muss man jetzt durch den Verkehr schlappen, um von Kino zu Kino zu kommen.