Kino: Bad Lieutenant Keine Macht den Drögen

Werner Herzogs neuer Film handelt von der hirnerweichenden Eigenschaft des Lebens, dass manche Arschlöcher mit all ihren Missetaten am Ende sogar noch befördert werden.

Von Tobias Kniebe

Auf den ersten Blick passt es ja wirklich sehr schön. Da trifft eine Zivilisation, innerlich schon ausgezehrt von Gier, Inkompetenz und korrupten Eliten, auf einen Hurrikan, und schon bricht einfach so der Naturzustand wieder durch: Plünderer plündern. Vergewaltiger vergewaltigen. Leichen treiben im Brackwasser. Nur die Hüter des Gesetzes sind nirgends zu sehen. Sie sind sehr weit weg, als erste geflüchtet, in ihren brandneuen Cadillacs vom Parkplatz für beschlagnahmte Fahrzeuge.

In diesem Moment - und wirklich erst in diesem - horcht einer auf. Der große Naturfilmer, Dschungeldurchquerer, Weltenumrunder, Kinski- und Grizzly-Bändiger Werner Herzog nimmt Witterung auf. Wittert eine Geschichte von Fäulnispfuhl und Sündensumpf, mit allerlei Schlangen und Echsen und Alligatorengekreuch und einem wirklich sehr bösen, drogenumnebelten Polizeioffizier in der Hauptrolle.

Wie für ihn geschaffen

Endlich hat er eine Story gefunden, ganz wie für ihn geschaffen - mitten in diesem müden kommerziellen System, das wir Hollywood nennen. Es passt so schön. Hätten wir bloß niemals nachgefragt. "Dieser Thesenunsinn", sagt Werner Herzog, "ist mir zu simpel. Solche Erklärungen stauben mir doch zu den Ohren raus." Dann schließt er in Zeitlupe seine Augenlider, vor ihm der Strand von Venedig, und als sie wieder aufgehen, sind die Pupillen Schlitze geworden. Echsenschlitze. "Erzählen Sie das Ihren Freunden vom Regietheater", höhnt die Echse.

Verdammt. Also nochmal von vorn. Werner Herzog hat einen Film namens "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" gemacht, der inhaltlich einige Ähnlichkeit mit einem sehr katholischen, schuldzerquälten Entgrenzungstrip aufweist, der 1992 vom New Yorker Junkie-Regisseur Abel Ferrara gedreht wurde und ebenfalls "Bad Lieutenant" heißt. Herzog behauptet, sein Film sei keinesfalls Remake dieses Underground-Klassikers mit Harvey Keitel, obwohl die Rechtslage einigermaßen klar ist - beide Filme haben denselben Produzenten. Gleichzeitig behauptet Herzog auch, den alten Film nie gesehen zu haben.

Die Frage müssen also andere für ihn klären, und die Antwort lautet: Natürlich ist das Drehbuch von William M. Finkelstein doch ein Remake, allerdings ohne den ganzen Katholizismus. In beiden Filmen geht es um drogensüchtige Cops, die am Rande des psychischen Zusammenbruchs durch ihren Cop-Alltag stolpern, bei Sportwetten hohe Summen verlieren, junge Frauen wegen Drogenbesitzes auf der Straße anhalten und mit der Drohung, sie zu verhaften, zu demütigenden sexuellen Handlungen nötigen.

Fressen und Gefressenwerden

Neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es allerdings auch Unterschiede: Während der alte "Bad Lieutenant" von der welterschütternden Kraft der Vergebung handelt und für den Protagonisten tödlich endet, handelt der neue von der hirnerweichenden Eigenschaft des Lebens, dass manche Arschlöcher mit all ihren Missetaten trotzdem davonkommen und am Ende sogar noch befördert werden. Am Schluss des neuen "Bad Lieutenant" steht ein geradezu hanebüchenes Happy End.

Ein hochspekulativer Film, der allein wegen der Subventionen im zerstörten Post-Katrina-New-Orleans gedreht wurde, finanziert mit Geld aus der israelischen Halbwelt und bestückt mit einem Star wie Nicolas Cage, der künstlerisch ausgebrannt war und kurz vor dem Privatbankrott stand. Unter normalen Umständen würde man so etwas ohne Umschweife als Käse bezeichnen.

Das stimmt nur hier nicht. Denn überall, wo Werner Herzog auftaucht, sind die Umstände eben nicht mehr normal.

Aber was sind sie dann? Wenn Herzog in diesem Stoff nicht seinen großen amerikanischen Dschungelfilm gesehen hat, mit Fressen und Gefressenwerden und dem gnadenlosen Überleben der Fittesten, mit einem geradezu höhnischen Fazit all der Bush- und Krisenjahre, aus denen eben doch nur die dreistesten Egomanen gestärkt hervorgegangen sind, was hat er dann gesehen?

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