J. R. R. Tolkiens "Hobbit" Er könnte Deutscher sein

Martin Freeman als Bilbo Beutlin in Peter Jacksons Verfilmung des "Hobbits".

(Foto: AFP / Warner Bros.)

Ist J. R. R. Tolkiens "Hobbit" ein Märchen? Gewiss, ein Märchen. Aber trägt nicht auch die Euro-Rettung Züge eines Märchens? Bilbo Beutlin, im Film gespielt von Martin Freeman, jedenfalls hat das Zeug, in dieser Gesellschaft zum Superstar zu reüssieren.

Von Kurt Kister

Wer den "Herrn der Ringe" und Tolkiens Welt kennt, der weiß auch, wer Bilbo Beutlin ist. Früher war die Ring-Gemeinde nicht so groß wie heute, denn immerhin musste man Tolkiens Fantasy-Bücher dafür gelesen haben. Seit der Verfilmung der Roman-Trilogie durch Peter Jackson allerdings sind die Hobbits, die Elben und der Ring auch jenen sehr vielen Menschen geläufig, die so ungern Bücher lesen, wie sich Orks ungern waschen. Der Neuseeländer Jackson hat Tolkiens Kosmos weltweit populär gemacht. Nun hat Jacksons neuer Film Weltpremiere in Neuseeland gefeiert; er beruht auf J. R. R. Tolkiens erstem Buch, das 1937 erschien und "The Hobbit or There and Back Again" hieß.

Protagonist des Buchs ist Bilbo Beutlin, der am 22. September 1290 dortiger Zeitrechnung im Auenland, in "The Shire", wie es bei Tolkien im Original heißt, geboren wurde. Nein, nach den Maßstäben von Angela Merkel und dem Konzern-Controlling gibt es das Auenland nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man dahin fahren könnte. Andererseits aber gibt es das Auenland doch, denn allein die Tatsache, dass über das Auenland ein Film gedreht oder ein Buch geschrieben wird, verschafft ihm eine Existenz, wenn auch eine immaterielle.

Ähnliches trifft für Bilbo zu. Bevor Bilbos Neffe Frodo zu seiner zeitenveränderten Irrfahrt mit dem Ring der Macht aufbrach, war Bilbo der berühmteste Hobbit, und sogar jenseits des Auenlands hatte man schon von ihm gehört. (Hobbits sind maximal 1,20 Meter groß, leben in komfortablen Erdhöhlen, sind friedlich und ziehen sich ungefähr so an wie Claudia Roth.) Bilbo Beutlin wiederum hatte mit dem damals noch jüngeren Zauberer Gandalf sowie dreizehn Zwergen eine wahre Grand Tour zum Berg Erebor unternommen. Im Laufe der wehrhaften Wanderfahrt fand er aus Versehen den mächtigen Ring, stritt sich mit dem schmierigen Gollum, war an der Tötung des Drachens Smaug beteiligt und kehrte zu guter Letzt mit Gold und Silber beladen ins Auenland zurück.

Ein Märchen? Gewiss, ein Märchen. Aber haben nicht auch die Euro-Rettung oder Steinbrücks Kandidatur Züge eines Märchens? Bilbo Beutlin, im Film gespielt von Martin Freeman, jedenfalls hat das Zeug, in einer Gesellschaft zum Superstar zu reüssieren, in der Darth Vader, romantische Vampire und besenreitende Jungzauberer aus Hogwarts Phantasie und Sehnsüchte vieler Menschen bestimmen. Nie zuvor haben Figuren der Populärkultur eine so weltumspannende Wirkung erzielt wie dies heute durch Film, DVD, Internet und alle denkbaren Formen der Filmbearbeitung und -verspottung im Netz der Fall ist.

Bei Bilbo Beutlin kommt dazu, dass er einem klassischen Typus in Literatur und Kunst entspricht: Er ist der reine Tor, in gewisser Weise ein zwergwüchsiger Parzival, dem sein Gral, der Ring der Macht, zufällt, ohne dass er nach ihm gesucht hätte. Darüber hinaus ist er idealistisch, erdnah und sentimental. Wäre er kein Hobbit, er könnte Deutscher sein.