Janelle Monáes "The Electric Lady" Der Hintern lügt nicht

Janelle Monáe, die vor Kurzem erst aufgetauchte Pop-Androidin, legt "The Electric Lady" vor, ein Album von wohltuender Souveränität und erfrischender Distinktion - und dem Knacken von Cyborg-Gelenken.

Von Joachim Hentschel

Die Frau ist jetzt schon reif für die Kunstgalerie, und genau dort sitzt sie im Moment auch. Regungslos, wie schockgefroren, auf der Präsentationsfläche eines ominösen Ausstellungshauses, das damit wirbt, zeitreisende Superhelden auszustellen. Janelle Monáe - die komische Pop-Androidin, ein wandelndes, singendes, tanzendes Alter Ego - erkennt man gleich an dem, was sie auf dem Kopf trägt. Etwas, das wohl irgendwann mal eine Afrofrisur gewesen ist, früher das Symbol der Black-Power-Bewegung.

Sie kleistert sich die Haare aber zur riesigen Pompadour-Frisur zurecht. Eine Tolle, die man auch als Bombe verstehen könnte. Strenges Make-up, glänzende Gesichtsknochen, quadratische Goldohrringe. Der Rest steckt in einem schwarzen Smoking. Eine Erscheinung, die es mit sich bringt, dass Janelle Monáe rein optisch abwechselnd an den jungen Sammy Davis Jr., an ein Mitglied der Kleinen-Strolche-Bande oder an einen Oberkellner denken lässt. Das sind alles Männer, aber egal.

Anführerin in Schwarz-weiß und Lippenstiftrot

In dieser seltsamen Ausstellung jedenfalls, welche die Szenerie ihres neuen Videos "Q.U.E.E.N." ist, sitzt die Musikerin unbeweglich da. Bis zwei Museumsgäste eine weiße Schallplatte auflegen, auf einem Abspielgerät, dessen Tonarm ein Totenkopf ist. Die drolligen Superhelden erwachen, Monáe ist die Anführerin in Schwarz-weiß und Lippenstiftrot. Sie dirigiert eine Chorus Line aus Sixties-Girls in Op-Art-Kleidern, singt ein Duett mit der wirklich Furcht einflößend aussehenden Erykah Badu, die zur Mitte des Videos mit einem grauen Königspudel aus der Kulisse stolziert. "The booty don't lie", das ist der letzte Vers dieses wahnwitzigen, afrofeministischen Disco-Funk-Broadway-Supershowsongs. Immer dran denken: Der Hintern lügt nicht.

Der Kopf schon eher. Und natürlich haben sich bereits die Kulturwissenschaftler, Modehistoriker, Futurismus- und Genderforscher über Janelle Monáe hergemacht, an ihr genagt wie an den Chicken Wings, von denen sie in "Q.U.E.E.N." singt. Kommt ja nicht so häufig vor, dass eine 27-jährige hyperambitionierte Alleskönnerin, die 2010 aus dem Nichts aufgetaucht ist, akademische Diskurse bedient. Und ihren eigenen Künstlerbund unterhält. Und sich mit fast schon peinlichem Eifer zum Gesamtkunstwerk stilisiert, indem sie ihrem fiktiven Rollen-Ich Cindi Mayweather - einer Androidin, die im 28. Jahrhundert aus Fritz Langs Metropolis geflohen sein soll - eine ausführliche Backstory verpasst. Nie scheint sie in irdischen, wirtschaftlichen Dimensionen zu denken, sondern immer in mehrteiligen Suiten, Musicals und übermenschlichen Zyklen.

All das könnte man mit gnädigem Lächeln vergessen, wenn Monáe diesen Theoriewirbel am Ende nicht doch zurück auf die Erde holen, befruchten, einlösen würde. Mit - so selbstverständlich ist das ja gar nicht - ihren Songs.

Schon ihr erstes Album "The ArchAndroid" war vor drei Jahren eine ernsthafte Ruhestörung, gleichzeitig voller Melodien und Zickzack-Grooves, Soul-Sonne und blasiertem Club-Schnalzen, warmem Retrogefühl und dem kalten Knacken von Cyborg-Gelenken. Das Futur II der Pop-Grammatik, die vollendete Vergangenheit.

Das neue Werk "The Electric Lady" ist nun eine so abendfüllende großartige Platte geworden, dass man mit den üblichen Beschreibungen nicht weit kommt. Die Sängerin, Komponistin und Produzentin hat einen schillernden Samstagnacht-im-Weltall-Pop erfunden, der es schafft, ort- und zeitlos und zugleich wahnsinnig konkret zu klingen. Das Freiheitsstreben aus über 60 Jahren Soul-, Blues-, Rock- und Electronica-Historie, es scheint sich in ihrem Gesang zu bündeln. Die befreite Stimme zieht einen hinein. Das Hybride der Musik entspricht all den Ungewissheiten, die sie in die öffentliche Persona eingebaut hat: Mensch oder Alien, "Metropolis" oder "Elysium", Frau oder Mann, lesbisch, hetero oder noch etwas anderes?

Hemdsärmeliger Feminismus

Die amerikanische Afro-Futurismus-Forscherin Marlo David, die Monáes Werk studiert hat, weist auf den Cyborg-Charakter hin, die Synthese aus Technologie und Menschlichem. Ihrer Ansicht nach artikuliere sich hier die Black Culture, die Erfahrung der Sklaven, zugleich als Person und Maschine betrachtet zu werden. Auf das berühmte Afro-Space-Album "Electric Ladyland" von Jimi Hendrix nimmt der Plattentitel sogar direkt Bezug. Die 19 nackten Frauen, die 1968 (gegen seinen Willen) auf Hendrix' Cover zu sehen waren, ersetzt Monáe durch ein Bild von sich selbst mit fünf imaginären, glanzlackierten Zwillingsschwestern.

Natürlich hat man das ganze Identitäten-Gekasper schon öfter mal gesehen, früher, beim Funkmusik-Irren George Clinton, der im Ufo auf die Bühne flog, oder bei Prince (der Monáe bei jeder Gelegenheit preist und auf mehreren Stücken des Albums als Gast zu hören ist). Dass ihr Konzept, ihr etwas hemdsärmeliger Feminismus, die ganze Frage nach dem Sinn im Jahr 2013 trotzdem noch einen derart erfrischenden Distinktionsgewinn bringt, das muss auch mit der Umwelt zu tun haben. Mit Idolen wie Beyoncé Knowles etwa, die weibliches Selbstbewusstsein an Leistungsethik knüpft.

Make love, Brian, not politics

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Seit Kurzem erlebt man auch, wie der frühere US-Kinderstar Miley Cyrus mit Macht versucht, ein früheres Image zu drehen. Cyrus, 20, hat als Disneyfigur Hannah Montana auch mal eine ausbaufähige Zweitidentität gehabt. Die Alternative dazu scheint zu sein, sich jetzt in alte Männerphantasien hineingleiten zu lassen. Das Video, in dem die junge Sängerin nackt auf einer schwingenden Abrissbirne sitzt - man könnte es als Beweis dafür nehmen, dass es gar nicht schadet, wenn Janelle Monáe und Erykah Badu als lebende Kunstwerke noch einmal eine weibliche Souveränität am eigenen Leben vortanzen. Sogar wenn ein anderer sie zensieren oder schneiden sollte, so singen sie: Der Hintern lügt nicht. Wie gesagt. Aber Janelle, die gigantische, mit Robotern flirtende Mambokönigin, hat ja auch noch nie gelogen.