Islam und der Westen Amerikaner als erstes Ziel der Proteste

Da nicht nur jeder angesehene Rechtsgelehrte, sondern auch jeder Dorfmullah durch eine Fatwa Blasphemie in seinem Gesichtsfeld konstatieren kann, kommt es immer wieder zu absurden Entscheidungen. So wurde zur Gotteslästerung erklärt: Mohammeds Namen an den Wand einer öffentlichen Toilette zu schreiben (Pakistan), während des Gebets zu pfeifen (Indonesien), Yoga zu treiben (Malaysia), einen Film anzusehen (Somalia), sich für einen Fernsehauftritt zu schminken (Iran).

Schwere Irrtümer und Missverständnisse sind unvermeidlich. Amerikas Botschaft in Pakistan wurde 1979 von einer empörten Menge niedergebrannt, die auf Grund einer Fatwa glaubte, die Amerikaner hätten die Große Moschee von Mekka angegriffen. Tatsächlich waren es regimefeindliche islamische Dissidenten aus Saudi-Arabien, welche die Moschee besetzt hatten.

Immer sind die Amerikaner das erste Ziel solcher Proteste, nicht nur weil sie die stärkste Militärmacht, sondern auch weil sie die Beschützer Israels sind. Die Ressentiments der armen Schichten in den islamischen Länder richten sich vor allem gegen die materielle Überlegenheit des Westens und dessen für sie unerreichbaren Lebensstandard. Bei Theologen und Intellektuellen stößt auch die Soft Power Amerikas auf Kritik und Widerstand: die Verführungskraft des amerikanischen Lebensstils, die Popkultur, der Einfluss der Massenmedien, die Orientierung auf Profit und Konsum. Dieser Gleichklang der Gefühle bei Meinungsführern und -geführten ist der schwer auslotbare Hintergrund der latenten Gewaltbereitschaft. Jeder Anlass wie jetzt der geschmacklose Schmähfilm kann zu Eruptionen führen.

Zudem stehen die erfolgreichen Oberschichten der islamischen Länder, so weit sie sich am westlichen Vorbild orientieren, ständig unter Rechtfertigungsdruck. Ihr öffentlicher Diskurs wird dadurch behindert, wenn nicht gelähmt. Toleranz für Islam-Kritik einzufordern, ist die Sache Einzelner. Die gemäßigten Islamisten wiederum, die sich an der Macht pragmatisch verhalten müssen, sehen sich der Konkurrenz der radikaleren Salafisten ausgesetzt. Jede Revolution beschleunigt sich.

Gefolgsmann Amerikas? Rufschädigend

Ägypten mit seinem Präsidenten Mursi ist dafür ein vorzügliches Beispiel. Er weiß sehr gut, dass sein Land von der Hilfe der USA abhängig ist, aber seine ersten Auslandsreisen macht er nach Peking, Teheran und Brüssel. Als Gefolgsmann Amerikas dazustehen, ist rufschädigend für einen arabischen Politiker. In einer ähnlichen Lage befinden sich die Honoratioren unter den muslimischen Klerikern. Wenn sie die Ausschreitungen der Eiferer allzu heftig missbilligen, riskieren sie ihren Kredit beim gläubigen Fußvolk.

Schmähungen Mohammeds hatte es im Abendland auch früher gegeben. Eine europäische Miniatur zeigt den Propheten als Lüstling auf einem Seidendiwan, umgeben von barbusigen Frauen. Dante versetzte ihn in die neunte Hölle. Aber wer im Morgenland scherte sich damals darum, wer nahm es wahr? Die schnelle Elektronik hat alles geändert. Ein obskurer Video-Clip aus Kalifornien, hergestellt und verbreitet jenseits der bei traditionellen Medien üblichen Kriterien von Verantwortung, mobilisiert über Nacht Zehntausende.

Niemand weiß, ob es den kompletten Film überhaupt gibt oder wer ihn finanziert hat. Jene Zehntausende aber, die jederzeit bereit sind, Sternenbanner zu verbrennen, über Botschaftsmauern zu klettern, sich dabei erschießen zu lassen und nach ihren Phantasien "Märtyrer" zu werden, sind in diesem Phänomen die wichtigsten Figuren der Handlung. Hätten sie Arbeit und ein eigenes Heim, gäbe es für sie eine Perspektive. Würden sie in Verhältnissen leben, die man in Europa "geordnet" nennt, hätten sie weder für Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz noch für Krawalle vor Botschaften Zeit. Doch in den meisten islamischen Ländern herrscht chronische Arbeitslosigkeit. Sie trifft Unqualifizierte wie Universitätsabsolventen.

Naturereignisse können diese soziale Lage dramatisch verschärfen. So litt Syrien von 2006 bis 2009 unter schwerer Dürre. Hunderttausende Landbewohner, die nichts mehr ernteten, wanderten in die großen Städte ab, wo sie keine Beschäftigung fanden. Kenner behaupten, ohne dieses neue Subproletariat hätte es keinen Aufstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad gegeben. Ohne das Millionenheer junger Männer, die nichts zu tun haben, gäbe es vielleicht gar keinen arabischen Frühling. Und auch keinen Hass auf den Westen.