Im Kino: Von Menschen und Göttern Wenn der Terror kommt

In einer März-Nacht stürmen Bewaffnete ein Kloster in Algerien - später findet man die Köpfe der entführten Mönche. Der Kinofilm dazu ist das Film-Wunder des Jahres: "Von Menschen und Göttern".

Von Rainer Gansera

Verwundert, aufgewühlt reibt man sich die Augen. Ein Film-Wunder. Eigentlich ein unmöglicher Film, aber es gibt ihn, und er ist eines der wichtigsten, bewegendsten Kinoereignisse des Jahres. Ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury in Cannes, wurde "Von Menschen und Göttern" in Frankreich ein Publikumshit mit mehr als drei Millionen Zuschauern. Erstaunlich für ein langsam, geradezu beschaulich erzähltes Kinostück, das an die ehrwürdigsten, versunken geglaubten Traditionen des europäischen Autorenkinos anknüpft, an die Schule der großen Mystiker: Rossellini, Dreyer, Bresson.

Erzählt wird von einem Kloster in Algerien mit neun französischen Trappisten-Mönchen - was Atheisten und Agnostiker nicht zu Abwehrreaktionen veranlassen sollte, denn hier geht es nicht um Glaubensbekenntnisse, sondern um menschliche Zeugnisse. Der Regisseur Xavier Beauvois, ein bekennender Atheist, nähert sich den Mönchen mit Respekt, Zuneigung und beinahe dokumentarischer Genauigkeit.

"Von Menschen und Göttern" greift ein grausames zeitgeschichtliches Ereignis auf. In einer März-Nacht des Jahres 1996 stürmen zwanzig Bewaffnete das Trappisten-Kloster Notre Dame de l'Atlas von Tibhirine und entführen sieben Mönche. Zwei in einem Nebentrakt Schlafende werden übersehen. Zwei Monate später der grausige Fund: An einem Feldweg werden die Köpfe der Entführten entdeckt. Zur Untat bekennt sich die radikal-islamische, das algerische Militärregime bekämpfende Organisation Groupe Islamique Armé (GIA). Spätere Untersuchungen, die bis heute nicht abgeschlossen sind, lassen Zweifel an der Täterschaft der GIA aufkommen und sehen das Militärregime als möglichen Initiator der Bluttat.

Wie hätte sich ein journalistischer Filmemacher diesem Stoff genähert? Üblicherweise über das Spektakuläre und Reißerische: die Schlagzeilen, die Empörung, die Fotos der abgetrennten Köpfe. Xavier Beauvois lässt all das beiseite. Er schildert das ritualisierte Leben im Kloster: Gebete, Gesänge, das gemeinsame, schweigend eingenommene Mahl. So schwingt er sich in einen meditativen Rhythmus ein, der auch später, wenn die Spannung steigt, nicht aufgegeben wird. Nach der Morgenandacht werden die Kutten abgestreift. Die Mönche bestellen den Garten, pflegen ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zur moslemischen Dorfbevölkerung, sind selbstverständliche Gäste bei deren Hochzeitsfeiern. Bruder Luc (Michael Lonsdale), ein Arzt, versorgt die Dorfpatienten mit bescheidenen Mitteln - und muss die Frage eines Mädchens beantworten, ob er schon einmal verliebt gewesen sei.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was das große Verhängis der Mönche ist.

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