Im Kino: The Social Network "I'm CEO, bitch!"

Dies ist unsere Zeit: Der Film "The Social Network" erzählt die Gründungsgeschichte Facebooks mit einem erstaunlich geistreichen Zuckerberg. Eine Parabel über Ehrgeiz, Ruhm und Erfolg - und über den Preis, den man dafür bezahlen muss.

Von Tobias Kniebe

Ist dies der Moment, der in die Annalen eingehen wird? Der Wendepunkt, an dem eine neue Elite die Macht übernahm, eine Generation, die weiß, was sie wert ist?

Die große, zeitgeschichtliche Einordnung - darum geht es hier. Nicht mehr und nicht weniger versuchen David Fincher und Aaron Sorkin in ihrem Film "The Social Network". Auf doch recht clevere Weise, wie man sagen muss.

San Francisco, im Jahre des Herrn 2004. Das Ruby Skye, Topadresse des Nachtlebens im Silicon Valley. Housebässe, Gogo-Girls, dampfende Massen. Auf der Empore im VIP-Bereich Mark Zuckerberg, damals 20, der Facebook-Erfinder. Neben ihm Sean Parker, 25, der gerade schon abgestürzte, abgesägte, manisch-überdrehte Napster-Guru. Er hat zwei Victoria's Secret-Models dabei, die sich aber jetzt allein beschäftigen müssen. Stattdessen redet er wild auf Zuckerberg ein: "Eine Millionenfirma gründen? Das kann jeder Depp. Hier geht es um Milliarden."

Lustvoll verkörpert Justin Timberlake Parker, diesen Schnösel, der Zuckerberg erklärt, was er jetzt auf keinen Fall tun darf - nämlich verkaufen. Seine Haut nicht zu billig zu Markte tragen. Und die Macht über die Firma, um Gottes Willen, nicht an die alten Säcke abtreten, wie er, Sean, es leider bei Napster getan habe. Fuck them, die alten Säcke.

"Dies ist unsere Zeit" sagt Parker. "Wir beherrschen das Universum." Und Zuckerberg, der sich unwohl fühlt, der die halbnackten Mädchen kaum anschauen kann, sagt eher wenig in diesem Moment. Aber man spürt, wie der Funke überspringt. Der junge Schauspieler Jesse Eisenberg, selbst leicht verquer, bisher eher auf Loser abonniert, spielt das brillant.

War es so?

War es so? Wollten diese Jungs tatsächlich Rache, wollen sie es der ganzen Welt zeigen? Dachten sie im Ernst an das Girl aus der Highschool, das ihnen Liebe schwor und doch dem Kapitän des Lacrosse-Teams immer Blowjobs gab? Oder an die Unifreundin, erstes Semester, die viel zu früh einen Schlussstrich zog?

Wohl eher nicht. Die hübsche junge Dame, die Zuckerberg gleich in der ersten Szene des Films das A-Wort vor den Latz knallt und ihn dann sitzen lässt, gab es zum Beispiel nicht. Die ist komplett erfunden. Würde ja a auch wirklich zu sehr wirken wie aus dem Grundkurs Charaktermotivation, Freud für Dummys.

Andererseits hat Zuckerberg heute wirklich ein Milliardenunternehmen. 500 Millionen Facebook-User ignoriert man nicht mehr. Er hat nicht verkauft - oder doch nur einen lächerlich geringen Anteil, an Bill Gates, der dafür aberwitzig bluten musste. Er hat jede Menge Fehler gemacht, jede Menge Kritik einstecken müssen - aber er hat keine alten Säcke rangelassen. Dies ist seine Zeit. Und auf seiner Visitenkarte steht tatsächlich - oder es stand zumindest eine Zeitlang dort - die Retourkutsche an alle Frauen der Welt, die von Computernerds nichts wissen wollen: "I'm CEO, bitch!"

"The Social Network" zeigt nicht die Wirklichkeit. Der Film ist aber doch nah genug an ihr dran, um richtig einzuschlagen. In den USA hat er es schon auf Platz eins der Charts geschafft, und die Kritiker überschlagen sich fast, wie cool, wie treffsicher und smart hier der Regisseur Fincher und der Topschreiber Sorkin den Zeitgeist gebannt, das Epos der Stunde gedreht, ach was - die ganze Epoche auf den Punkt gebracht haben. Auch wenn noch gar keiner weiß, wie diese Epoche enden wird, und ob es Facebook dann überhaupt noch gibt. MySpace oder, noch dramatischer, Second Life - die sahen ja auch mal eine Zeit lang recht unbesiegbar aus.

Dieser Coup funktioniert aber nur, weil Fincher und Sorkin wirklich bis zum Anschlag in die knarzende alte Trickkiste greifen, die Erzähler eben immer aufstemmen, wenn sie das Leben ins Kino überhöhen: Da gibt es Bruderschaft und Verrat, schnelle Bonmots, die wie Degenstöße ins Herz treffen, und komplizierte Finanzmanöver, die nichtsahnenden Opfern wie Messer in den Rücken gerammt werden.

Es gibt Insider, die sich ihrer Harvard-Privilegien und Daddys Beziehungen viel zu sicher sind, und brillante Außenseiter wie Zuckerberg, die unbedingt reinwollen - auch wenn sie dafür erst einmal der Computer der Universität hacken müssen. Herausgekommen ist eine, jawohl, Parabel über Ehrgeiz, Ruhm und Erfolg - und über den Preis, den man dafür bezahlen muss. Man darf das schon deshalb "Old Media" nennen, weil es mit wenigen Abwandlungen so auch bei Shakespeare steht - oder mindestens bei "Citizen Kane".

Wie hochtourig die Mythenmaschine Kino hier dreht, erkennt man spätestens beim Betrachten jenes kurzen Filmporträts, das CBS im Jahr 2008 einmal vom echten Mark Zuckerberg angefertigt hat. Der Kerl mag smart sein, aber er bringt kaum zwei vollständige Sätze heraus, und humorloser, auch geistferner hat man kaum je einen Global Player reden hören - dagegen wirkt sogar Bill Gates plötzlich wie ein lebendiges Kerlchen.

Gründermythos, Dramen und Geniekult

Vergleicht man das mit den hypersmarten, oft sogar irre lustigen Multitasking-Dialogen, mit denen Aaron Sorkin den furios auftrumpfenden Jesse Eisenberg munitioniert hat, kommt man aus dem Staunen kaum noch heraus. Dieser Film-Zuckerberg mag ein krasser Nerd sein, der nur in den kalten Programmierer-Kategorien TRUE und FALSE denken kann, er mag gemeine Dinge tun und seine Mitmenschen überfordern - aber er ist doch ein verdammtes Genie. Wenn er sein Hirn erst einmal entsichert hat, fliegen die Worte wie Uzi-Salven durch die Gegend.

Bleibt die Frage, wie das nun alles auf die Wirklichkeit zurückschlägt. Üben die alten Medien hier Rache an der Online-Welt, indem sie die eher banale Wahrheit von der Festplatte löschen und rücksichtlos mit einem wirkmächtigen Drama überschreiben? Dann hätten Fincher und Sorkin einem hart arbeitenden, ziemlich unprätentiösen Computer-Kid am Ende übel mitgespielt.

Man kann es aber auch genau andersherum sehen. Gute Ideen überleben nicht von allein. Sie brauchen Gründungsmythos, Dramen, Geniekult. Sie müssen überhaupt erst in den Annalen verankert werden, und das geschieht jetzt, in diesem Moment. In den Schulbüchern unserer Kinder wird der Facebook-Erfinder verzeichnet sein. Aber er wird reden wie Jesse Eisenberg.

THE SOCIAL NETWORK, USA 2010 - Regie: David Fincher. Buch: Aaron Sorkin. Kamera: Jeff Cronenweth. Musik: Trent Reznor, Atticus Ross. Mit Jesse Eisenberg, Justin Timberlake, Andrew Garfield. Sony Pictures, 121 Minuten.