Im Mahnmal für homosexuelle Nazi-Opfer sind bald küssende Lesben zu sehen - die wurden aber gar nicht unterdrückt. Dabei bedarf es wohl gerade hier besonderer Genauigkeit.
In wenigen Wochen schon soll der Film ausgetauscht werden, der derzeit im Homo-Mahnmal, dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, gezeigt wird. Bisher sind da zwei junge Männer zu sehen, die sich innig, liebevoll, nach allen Regeln der Kunst eben küssen. Von Mai an könnten dort zwei Frauen ihre Filmkusskünste beweisen. Es wäre gewiss ebenso schön und anrührend, man sähe es mit derselben Freude und Sympathie wie jede Liebe - nur zum Denkmal würde es nicht recht passen. Ein lesbischer Kuss würde die Geschichte verfälschen, das Andenken an die Opfer für gegenwärtige Interessen instrumentalisieren, die Botschaft verzerren.
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Die Liebe zwischen Felice (Maria Schrader, li.) und Lilly (Juliane Köhler) im Film "Aimée und Jaguar" nimmt ein tragisches Ende - Felice wird Opfer der Nazis. Doch nicht wegen ihrer lesbischen Liebe wird sie verfolgt: Felice ist Jüdin. (© Foto: Verleih)
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Historische Wahrheit oder sexualpolitische Bedürfnisse?
Diese Vorwürfe erhebt ein Offener Brief an den Kulturstaatsminister, Bernd Neumann. Unterzeichnet haben fast alle wichtigen Akteure des Gedenkstättenbetriebs: Volkhard Knigge von den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, zuständig auch für Sachsenhausen, Insa Eschenbach, die in Ravensbrück arbeitet, Gabriele Hammermann, die die Gedenkstätte in Dachau leitet und viele mehr. Es sei, heißt es im Brief, historisch nicht wahr, "dass lesbische Frauen im Nationalsozialismus individueller Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt gewesen seien". Nicht ein "einziger Fall einer lesbischen Frau" sei historisch belegt, "die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung" in die NS-Verfolgungsmaschine geraten wäre.
Der Brief bietet Gelegenheit einen schweren geschichtspolitischen Fehler zu korrigieren. In der vergangenen Legislaturperiode waren die Vertreter der Bundestagsfraktionen und der noch neue Kulturstaatsminister vor einer Kampagne von Emma eingeknickt. Das Blatt mag seine Verdienste haben. Auf diesem Gebiet aber hat es durch Lautstärke eine vernünftige Lösung verhindert. Auch die Lebenswelt der Lesben sei im Dritten Reich zerstört worden, man habe die Freiheitsrechte der Frauen eingeschränkt, ihre Zeitschriften verboten.
Um die Errichtung des Denkmals nicht zu gefährden, einigte man sich damals auf den faulen Kompromiss der Kuss-Quotierung: Zwei Jahre schwul, zwei Jahre lesbisch. Als ob die historische Wahrheit sich nach unseren sexualpolitischen Bedürfnissen richten müsse. Der Kompromiss, eigentlich ein Skandal, wurde offiziell nie festgeschrieben. Erst jetzt, da zwei Jahre nach der Einweihung der Film ausgetauscht werden soll, kommt es zum Schwur. Die Ausschreibung läuft. Eine "gleichgeschlechtliche Kussszene" wird verlangt.
Verhöhnung der schwulen Opfer
Einer der Unterzeichner des Offenen Briefes, Eberhard Zastrau, hat auf die Absurdität der Geschichtsklitterung hingewiesen. Auf der einen Seite der Berliner Ebertstraße erinnern wir an die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden, "während auf der anderen Straßenseite unter der gleichen Überschrift, Verfolgung in der Nazi-Zeit, daran erinnert wird, dass Lesben ihrer Zeitschriftenlektüre verlustig gingen". Will man das? Das Denkmal nach einem Entwurf von Michael Elmgreen und Ingar Dragset bezieht sich ausdrücklich auf das Holocaust-Mahnmal: der Film wird in einer einzeln stehenden Stele gezeigt.
Bernd Neumann (CDU) weist die Kritik zurück, beruft sich auf den Bundestagsbeschluss und darauf, dass "ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben" gesetzt werden solle. Aber gerade dafür bedarf es wohl der Genauigkeit. Alles andere erinnerte an den DDR-Antifaschismus: Die Toten mahnen, Einzelheiten kümmern uns nicht, wir gehen den richtigen Weg.
Da die Gedenkstätten auch forschen, ist nun eine Ausstellung, nebst einer wissenschaftlichen Konferenz über die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich zu verlangen. Die Inschrift am Denkmal differenziert bereits genau nach dem derzeitigen Kenntnisstand. Den Film einfach zu wechseln, käme einer Verhöhnung der schwulen Opfer gleich, egal wie "gut gemeint" es scheint.
- Mahnmal für verfolgte Homosexuelle Küssende Jungs 27.05.2008
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(SZ vom 26.03.2010/kar)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
nun, klar. lesben oder besser frauen ist in dieser zeit sowohl von lehre und forschung als auch vor dem gesetz keine eigenständige sexualität zugestanden worden. diese konnte nach allgemeiner meinung nur durch die des mannes funktionieren (irrglauben halten sich gelegentlich lange). und wenn frauen keine sexualität haben, dann können sie kaum deswegen verfolgt werden. natürlich ist kein solcher fall belegt. lesben sind in dieser zeit aus anderen - meist vorgeschobenen gründen - in die lager gekommen. der schwarze winkel - für asoziale - ist meist das mittel der wahl gewesen. schliesslich standen diese frauen ja der männerwelt freiwillig nicht zur verfügung, galten automatisch als prostituierte. und in den kzs hatten sie dann zur verfügung zu stehen
eine gute quelle dazu ist der text zur ausstellung 'lesben unterm hakenkreuz'.
ich weiss gerade nicht, ob ich lachen oder weinen soll - vor wut. die erkenntnisse zu lesben in der nazizeit sind seit mindestens 25 jahren belegt. das einfach zu ignorieren ist perfide... auch mindestens...
in der Nazizeit keine Lesben verfolgt etc. wurden, halt ich mal für ein Gerücht. Ich schätze mal dass es damals für Frauen tatsächlich leichter war die Homosexualität zu verstecken als für Männer. Das heißt aber nicht dass es im KZ keine Lesben gab, oder dass sie nicht auf irgendeine andere Art und Weise gelitten haben.
Außerdem - was soll die Diskussion überhaupt? Homosexualität wurde verfolgt, lesbische Frauen sind genauso homosexuell wie schwule Männer. Und nur weil niemand aufgeschrieben hat dass eine Lesbe eingesperrt wurde soll der Film nicht gezeigt werden?
Freilich wurden auch Lesben verfolgt,
wenn auch nicht mit der Begründung "homosexuell" sondern "asozial" (und damit, war in deren Fall die Lebensweise gemeint, sich nicht zu verheiraten und Kinder zu bekommen) - da die Begrifflichkeit nichts zur Sache tut, sollte auch beiden betroffenen Gruppen gedacht werden!
Der ehemalige Kriegsminister Henry L. Stimson sagte: "Leider bin ich alt genug zu wissen, dass Geschichte oft nicht das ist, was wirklich geschah, sondern das, was als solches aufgeschrieben wird."
Weshalb wird nun gerade bei der Unterdrückung lesbischer Frauen in der NS-Zeit ein solches Aufhebens gemacht und eine vermeintliche historische Genauigkeit verlangt?
Dunsterville an. Ich finde die Kritik doch etwas kleinlich. Natürlich waren es v.a. männliche Homosexuelle, die umkamen (wohlgemerkt auch noch besonders litten i.Vgl. zu manch anderen Häftlingsgruppen).
Aber unterdrückt waren Lesben auch.
Da es ohnehin sonst nirgendwo ein Gedenken an die Geschichte der Kriminalisierung und grausamen Behandlung von Homosexualität gibt, stellt für mich dieses Mahnmal auch ein allgemeineres Zeichen dar, als dass ich es 'nur' auf die N.S-Zeit beziehen würde (ich weiß, der Standpunkt ist kritikabel).
Die LGBT-Bewegung ist jetzt Jahrzehnte zusammengegangen. Mir geht es bei dem Mahnmal um das Gedenken an Leid, aber auch aus diesem heraus um unsere gemeinsame Identität als Minderheit.
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