Gustavo Dudamel Gott des Tanzes

Gustavo Dudamel dirigiert in seiner Heimat Venezuela, hier in einem Armenviertel in Caracas.

(Foto: Reuters)

Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Orchester gelten als Exportschlager Venezuelas. Aber Kritiker werfen dem Dirigenten Propaganda vor.

Von Reinhard Brembeck

Nein, er wirkt überhaupt nicht wie ein Tänzer. Gustavo Dudamel schreitet trotz seiner erst 34 Jahre würdevoll auf die Bühne der Münchner Philharmonie. Im Gesicht aber zeigt sich jenes unwiderstehliche Lachen, das sein Markenzeichen ist, und dem jedes Publikum erliegt. Derzeit ist Dudamel mit dem Simón Bolivár Orchester auf Europatournee, einem Riesenensemble, das nach Venezuelas Befreiungshelden benannt und neben Dudamel selbst das Aushängeschild des spektakulärsten Musikausbildungssystems der letzten Jahrzehnte ist: "Sistema".

Die Grundlage dieses Musikzaubers sind 100 Musikschulen, die eine Viertelmillion Kinder in 300 Orchestern ausbilden - und das in einem Land mit gerade einmal 29 Millionen Einwohnern, das trotz seiner Erdölvorkommen sehr arm und gesellschaftlich zerrüttet ist. Dabei liefern die Armut der Vielen, der Reichtum Weniger und die quasi diktatorischen Zustände gerade die Voraussetzungen für solch eine Massenmusikpädagogik, denn so lässt sich mit geringem finanziellen Aufwand ein maximaler Effekt erzielen. Zudem gilt klassische Musik nach wie vor als politisch unverdächtig, garantiert andererseits aber weltweit Interesse und Zustimmung. So wurden das Sistema, also das Simón Bolívar Orchester und Gustavo Dudamel, zu den einem der bekanntesten Exportartikel Venezuelas.

Dudamel hat im Sistema gelernt, er wurde mit 18 Jahren Chef des Simón Bolívar und machte danach eine Weltkarriere. Mittlerweile ist er ein gern gesehener Gast bei allen berühmten Orchestern, war im vergangenen Jahr für die Nachfolge von Simon Rattle an der Spitze der Berliner Philharmoniker im Gespräch, wird das nächste Neujahrkonzert der Wiener Philharmoniker leiten und ist derzeit der Chef der Philharmoniker in Los Angeles. Aber immer kehrt er zum Simón Bolívar zurück.

Gustavo Dudamel dirigiert in seiner Heimat Venezuela, hier in einem Armenviertel in Caracas.

(Foto: Reuters)

Zwar tanzt Dudamel nicht, er lässt aber umso begeisterter tanzen. Passend dazu hat er am Donnerstag in München nur Ballettmusik im Programm, "Pétrouchka" und "Le Sacre du printemps" von Igor Strawinsky. Im wilden Jahrmarktstrubel um die Holzpuppe Pétrouchka ist Dudamel erst einmal und vor allem damit beschäftigt, die überbordende Spielfreude seiner Musiker zu zügeln. Obwohl das Ensemble die "Jugend" aus seinem Namen gestrichen hat, sieht man durchwegs junge Gesichter. Alle spielen mit einem unvergleichlichen Schwung, gerade die Blechbläser, die sich gern als Herren des Geschehens gebärden.

Dudamel hat sichtbar zu kämpfen. Schließlich kennt man sich seit dem Kindergarten, so etwas kann die Autorität untergraben. In Wien oder Los Angeles hat Dudamel es sicher leichter. Zudem hat er ein wachsames Auge auf die intellektuellen Tüfteleien und polyphonen Montagen, mit denen Strawinsky diese Partitur entgegen ihren musikantischen Furor verkompliziert und absichert. So zeichnet Strawinsky die Unvereinbarkeit der Charaktere im Tanz der Ballerina mit dem "Mohren", immer wieder tauchen befremdliche Versatzmotive auf, mit denen Stimmungen blitzschnell und ironisch konterkariert und unterminiert werden. Und zuletzt, wenn der Geist Pétrouchkas erscheint und dessen bei einem Sturz getötete Puppe dem Magier entfliehen kann, weiß man nicht mehr, wo das Theater aufhört und die Realität beginnt. Nichts ist in "Pétrouchka" so, wie es die lärmigeVolksfest-Fassade suggeriert.

Auch für das Simón Bolívar und das Sistema scheint das als Grundsatz zu gelten. Vor über zehn Jahren wurde Sistema weltweit als einzigartig und grandios gefeiert, Claudio Abbado und Simon Rattle waren begeistert, arbeiteten mit den Kindern vor Ort. Mittlerweile aber wird auch Kritik an diesem Vorzeigeprojekt laut, an Sistema, seinem Gründer José Antonio Abreu und an Gustavo Dudamel. Denn das Unternehmen ist vor allem unter dem vor drei Jahren gestorbenen Staatschef Hugo Chávez zunehmend zu einem Propagandainstrument geworden, und dass Dudamel das Konzert zur Beerdigung Chávez' dirigierte, machte es nicht besser. Die Musiker ließen sich vor den Karre eines Staates spannen, der zunehmend diktatorische Züge zeigt, in dem 25 000 Morde im Jahr begangen werden und Entführungen an der Tagesordnung sind, so die Kritik, in dem die außerdem die meisten Kinder an oder unter der Armutsgrenze leben, die medizinische Versorgung indiskutabel ist, Folter und Antisemitismus gängig sind.

Gustavo Dudamel, hier in Maracay, Venezuela.

(Foto: Miguel Gutierrez/dpa)

Diese Vorwürfe erhebt auch und zunehmend lauter die prominenteste Kritikerin Venezuelas, die Pianistin und Improvisateurin Gabriela Montero. Montero stammt aus Venezuela, sie ist im Sistema groß geworden, wurde aber in den USA weiter ausgebildet, wo sie heute lebt. Mit ihrem 2011 uraufgeführten Klavierkonzert "Ex Patria" hat sie gegen die Zustände in Venezuela protestiert. Vor zwei Jahren schrieb sie einen offenen Brief an Abreu und Dudamel, weil diese explizite Kritik an den Missständen ihres Landes konsequent vermeiden.

Wie lange noch wirst Du blind sein für die bedauernswerte Realität Deines Landes?", schrieb die Pianistin Gabriela Montero

Unmittelbarer Auslöser für Monteros Brief war die blutige Niederschlagung einer pazifistischen Demonstration am Tag der Jugend - während Dudamel dirigierte. "Wie lange noch," fragte sie da den Dirigenten, "wirst du blind sein für die bedauernswerte Realität in deinem Land? Wie lange noch willst du nicht sehen, dass wir das Gegenteil einer friedlichen und gerechten Gesellschaft sind?" Dennoch wurden weder Dudamel noch Abreu, darin Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan ähnlich, zu Kritikern ihres Heimatlandes.

Auch die Münchner kümmert die humanitäre Katastrophe im fernen Venezuela offenbar wenig. Die Philharmonie ist bei für ein Gastorchester moderaten Preisen zwischen 40 und 130 Euro fast ausverkauft, die gute Laune wird von Ton zu Ton ausgelassener. Den "Sacre" dirigiert Dudamel auswendig, sehr viel gelassener als "Pétrouchka", zunehmend die Musiker anfeuernd. Der Klang der Riesentruppe ist warm, rund, farbig. Die atmosphärisch zarten Klangflächen gelingen fein und lockend. Nicht französischer Impressionismus, von dem Strawinsky ausgeht, wird verwirklicht, sondern lateinamerikanisches Urwaldweben und Glasperlenspiel, wie es sich etwa in "Uirapuru" von Heitor Villa-Lobos findet. Nichts Kaltes, nichts Ausgerechnetes ist erkennbar, auch keine Kraftmeierei - trotz teilweise riesiger Klangeruptionen.

Statt dessen verschreibt sich Dudamel enthemmt und enthemmter dem Tanz. Richard Wagner hat Beethovens Siebter das Motto "Apotheose des Tanzes" gegeben. Dementsprechend beweist sich Dudamel im "Sacre" als Vergöttlicher eines Tanzes, der mit einem rauschhaft zelebrierten Todesopfer endet - während zur selben Zeit in Venezuela wieder Morde und Entführungen stattfinden. Aber daran denkt in München niemand. Das Publikum tobt wie bei einen Popkonzert. Kunst hat sich noch nie ernsthaft um die Grausamkeiten in der Welt geschert.