Greenpeace vs. Facebook Immer auf die Großen

Greenpeace wirft Facebook vor, künftig Strom aus klimaschädlicher Kohleenergie ziehen zu wollen. Der Protest erfolgt ausgerechnet über die eigene Facebook-Seite - mit großem Zuspruch. Es geht auch darum, wie ökologisch das Netz überhaupt ist.

Von Niklas Hofmann

Eine der größten Stärken von Greenpeace ist stets die Wahl des geeigneten Gegners gewesen, wobei für Kampagnenzwecke am besten "geeignet" nicht notwendigerweise der größte, sondern nur der glaubwürdigste Bösewicht ist. Sich das von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seinem Management hart erarbeitete Negativimage zunutze zu machen, ist da eine der leichteren Übungen der Umweltkämpfer. Und die Facebook-Nutzer, die im Bewusstsein ihrer digitalen Abhängigkeit zu dem Social Network meist ein ähnlich inniges Verhältnis haben wie Vielfahrer zur Deutschen Bahn, sind für jede Form von Ventilp Protest leicht zu gewinnen.

Welche ökologische Bilanz hat das Netz? Und welchen Anteil haben Facebook und eine halbe Milliarde Nutzer daran?

(Foto: AFP)

Mehr als Unterstützer hat Greenpeace seit Februar auf seiner Facebook-Seite für die Aktion "Unfriend Coal" gesammelt, die gegen die Einrichtung eines neuen Facebook-Rechenzentrums im US- Bundesstaat Oregon protestiert. Denn dort werde Facebook 58 Prozent seines Stroms aus klimaschädlicher Kohleenergie beziehen, was immerhin acht Prozent über dem Durchschnittsanteil von Kohle an der Stromversorgung der USA liege.

Das Haus Zuckerberg hält dagegen. Facebook-Manager Barry Schnitt meldete sich vergangene Woche in den Kommentarspalten des Greenpeace-Blogs zu Wort: Die Entscheidung für den Standort im klimatisch gemäßigten Oregon habe das in Kalifornien angesiedelte Unternehmen auch deswegen gefällt, weil dort weniger stromfressende Kühltechnik benötigt werde, nahm Schnitt für Facebook in Anspruch. Indirekt wirft er dagegen Greenpeace Heuchelei vor, hosteten die Umweltschützer ihre eigene Internetseite doch in einem Rechenzentrum in Virginia, wo der Anteil an Kohlestrom zwar leicht niedriger sei, der an erneuerbaren Energien aber nur bei vier Prozent liege, im Gegensatz zu bis zu 20 Prozent in Amerikas ökologischem Vorzeigestaat Oregon.

Natürlich bewegen sich die Datenmengen, die Facebook für eine halbe Milliarde Nutzer verwaltet, in einer völlig anderen Dimension. Aber in Wahrheit steht jenseits der Kampagne gegen Facebook auch die Frage im Raum, welche ökologische Bilanz das Netz insgesamt hat. Einer Greenpeace-Schätzung zufolge wird das Internet mit seinen Servern und Rechenzentren bei gleichbleibenden Wachstumsraten im Jahr 2020 einen Energieverbrauch von fast zwei Milliarden Kilowattstunden haben, das seien mehr als der Stromverbrauch von Deutschland, Frankreich, Kanada und Brasilien zusammengenommen. Entsprechend üppig drohe auch der CO2-Ausstoß zu werden.

Von wegen eindeutig positive Umweltbilanz

Bislang ist nach einer Studie der britischen Universitäten Cambridge und Leeds das Internet für drei bis fünf Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Die großen Konzerne des Netzes sind damit in einer Branche tätig, die in ihrer Energie-Intensität vergleichbar ist mit der Luftfahrtindustrie. Natürlich führt die Verlagerung von wirtschaftlicher und sozialer Tätigkeit in den virtuellen Raum auch zu CO2-Einsparungen. Greenpeace fürchtet aber andererseits vor allem durch die Zunahme des Cloud Computing einen erheblichen Anstieg der klimaschädlichen Emissionen.

Die vor zehn Jahren noch vorherrschende Vorstellung, das dezentrale Netz werde eine eindeutig positive Umweltbilanz haben, ist nämlich längst passé. Wenn immer mehr Daten nicht mehr lokal, sondern weltweit verteilt in Netzwerken, also "in der Wolke" abgelegt sind, spart das zwar immensen Speicherplatz, führt aber auch zu einem erheblichen Anstieg an Online-Aktivität. Wie groß deren CO2-Fußabdruck genau ist, darüber stritt schon im vergangenen Jahr Google mit der Redaktion der Zeitung Times. Nur 0,2 Gramm CO2 würden bei dem Aufruf einer Website, also einer einfachen Suchanfrage freigesetzt, gab Google an.

Die Times hielt jedoch unter Berufung auf den Harvard-Physiker Alex Wissner-Gross fest, dass ein Suchvorgang, der nicht sofort die gewünschte Information zu Tage fördere, bis zu sieben Gramm CO2 produzieren könne - eine Menge, zu deren Veranschaulichung die Zeitung auf mitteilte, das sei halb so viel wie das Kochen eines Kessels Tee verursache.