Geschichte der Kreuzzüge Blutvergießen im Namen Gottes

Wie der christliche Fundamentalismus gegen die Muslime wütete: Thomas Asbridge erzählt eindringlich und episch die Geschichte der Kreuzzüge.

Von Christian Jostmann

Sie mussten eilends eine Bühne zimmern und die Abschlusskundgebung vor die Mauern verlegen, wegen der vielen Leute. Fast zwei Wochen hatten die Kirchenführer Westeuropas in Clermont über brennende Fragen wie die Laieninvestitur und das turbulente Eheleben König Philipps von Frankreich debattiert. Doch am vorletzten Tag des Konzils, am 27. November 1095, bestieg der Papst die Bühne vor der Stadt, um von etwas ganz anderem zu reden: Die Christen im Orient seien in Not, rief Urban II., sie würden bedrängt von den Muslimen.

Richard Löwenherz im Dritten Kreuzzug: Die zeitgenössische Darstellung zeigt König Richard I. von England, genannt "Löwenherz", bei seinem vergeblichen versuch, Jerusalem ein zweites Mal für die Christenheit einzunehmen.

(Foto: dpa)

Alle Sünden

Mit forensischer Deutlichkeit malte der Papst die Gräuel aus, die Muslime angeblich an Christen verübten. Er forderte seine Zuhörer auf, die Waffen zu ergreifen und den Glaubensbrüdern im Osten zu Hilfe zu eilen. Wer eine solche bewaffnete Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land unternehme, versprach der Papst, dem werde die Kirche alle Sünden vergeben.

Selten hatte eine Rede so weitreichende Folgen wie diese Predigt. Mit ihr begann das jahrhundertelange Blutvergießen im Namen Gottes, das wir "die Kreuzzüge" nennen. Und so eröffnet auch Thomas Asbridge seine monumentale Kreuzzugsgeschichte mit Urbans Auftritt in Clermont. Eindringlich schildert der britische Historiker die Worte des Papstes und erklärt ihre tiefe Wirkung auf die Zuhörer. Der Leser hat den Eindruck, in der vordersten Reihe dabei zu sein.

Knapp zweihundert Seiten später, Jerusalem ist längst gefallen, erfährt er wie nebenbei, dass über diese Predigt keine genauen Aufzeichnungen existieren. In der Tat gibt es nur indirekte Berichte, deren Echtheit unter Historikern umstritten ist. Manche bezweifeln sogar, anders als Asbridge suggeriert, dass Urban explizit dazu aufrief, Jerusalem zu befreien.

Der Auftakt ist wegweisend. "Die Kreuzzüge" - das sind in diesem Buch die Kriege, die christliche und muslimische Herrscher zwischen 1096 und 1291, als Akkon an die Mamluken fiel, um den Nahen Osten geführt haben. Der Autor stellt sich damit auf die Seite der "Traditionalisten", im Gegensatz zu den "Pluralisten" unter den Kreuzzugshistorikern, die mit guten Gründen einen weiteren Begriff von dieser welthistorischen Bewegung haben.

Frömmigkeit oder Machtpolitik?

Von den gleichzeitigen Kriegen, die im Namen des Kreuzes etwa gegen die Elbslawen oder gegen die Katharer in Südfrankreich geführt wurden, erfährt man bei Asbridge so gut wie nichts, ebenso wenig über die Fortsetzungen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Der Vierte Kreuzzug, der eben nicht bis Palästina kam, dafür im Jahr 1204 Konstantinopel in Schutt und Asche legte, wird auf wenigen Seiten abgehandelt.

Den Löwenanteil seines Buches widmet Asbridge also dem ersten Jahrhundert der Kriege im Orient, und hier interessieren ihn in erster Linie die großen Männer und die Schlachten, die sie schlugen, allen voran der ägyptische Sultan Salah ad-Din, der 1187 bei Hattin die Truppen des christlichen Königreichs Jerusalem vernichtete und die Heilige Stadt für die Muslime zurückeroberte; und der englische König Richard Löwenherz, der sich 1191 zum Anführer des Dritten Kreuzzugs aufschwang und vergeblich versuchte, Jerusalem ein zweites Mal für die Christenheit einzunehmen.

Dabei pflegt Asbridge einen Habitus, den man weniger als traditionell denn altmodisch bezeichnen kann. Laufend müssen sich die Protagonisten dem Urteil des Historikers unterwerfen, wie zum Beispiel Richard: "Aber die Realität eines Kreuzzugs hatte er bis dato noch nicht wirklich verstanden."

Muslimische Pferde

Nur Salah ad-Din entzieht sich bis zum Schluss dem Urteil. Nachdem der Autor sich über viele hundert Seiten an der kniffligen Frage abgemüht hat, ob Salah ad-Din ein opportunistischer Machtpolitiker oder ein frommer Vorkämpfer des Islam gewesen sei, resümiert er: "Vielleicht kannte nicht einmal der Sultan selbst die Antwort."

Die epische Länge dieser Kreuzzugsgeschichte erwächst auch aus Asbridges Liebe zum schmückenden Adjektiv. Nie vergisst er zu sagen, wenn eine Gefahr "tödlich", jemandes Tatkraft "unerschütterlich" oder eine chronische Magenkrankheit "fürchterlich" war. Da wundert es den Leser auch nicht, dass "wichtige Hauptfiguren" auftreten, die womöglich mit der "pragmatischen Notwendigkeit" konfrontiert sind, eine "unliebsame Bedrohung" abzuwenden. Oder dass ihm "muslimische Pferde" über den Weg laufen.

Ganz am Ende seines Buches setzt sich Thomas Asbridge mit der Frage auseinander, was uns die Kreuzzüge heute noch zu sagen haben. Seine Antwort ist bemerkenswert: "Insgesamt jedoch sollte man die Kreuzzüge dort lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit."

THOMAS ASBRIDGE. Die Kreuzzüge. Aus dem Englischen von Susanne Held. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 807Seiten, 39,95 Euro.