Filmfestival Leipzig Selbstbewusst dienender Mensch

Das Filmfestival Leipzig eröffnet mit einem Porträt des besessenen Büchermachers Gerhard Steidl. Da ist ganz klar ein Hexenmeister am Werk.

Von Martina Knoben

Steidl-Bücher riechen anders. Sie duften, wie Robert Frank gleich erschnuppert, als er die Nase in seinen neu von Gerhard Steidl verlegten Bildband steckt. Statt wie üblich Dispersionslack zu verwenden, der das Papier von Fotobüchern zu Tode versiegelt, nimmt der Verleger, der auch Drucker ist, Lacke auf Ölbasis her, die einem Buch von, sagen wir, Martin Parr ein ganz anderes Aroma verleihen als einem von Ed Ruscha oder einem von Robert Adams.

Irrlichternder Perfektionismus

Nimmt man Steidls irrlichternden Perfektionismus, mit dem er auch das Filmporträt der Münchner Dokumentaristen Gereon Wetzel und Jörg Adolph How to Make a Book With Steidl dominiert - es hatte am Mittwoch beim Dokumentarfilmfestival Leipzig Premiere -, hält man es sogar für möglich, dass Steidl seine Bücher an ihrem Duft erkennen kann.

Als Printjournalist ist man natürlich befangen, wenn ein Film so unverhohlen das Analoge feiert wie dieser. Schon die Unmengen von Papier in den ersten Einstellungen lösen Glücksgefühle aus. Steidl macht Bücher, die man nicht auf dem iPad lesen kann; und vielleicht, denkt sich der Zeitungsmensch, ist sein Geschäftsmodell ja auch wegweisend für die eigene bedrohte Branche. Steidls Rezept ist radikale handwerkliche Qualität.

Statt Fotobücher von der Stange gibt es von ihm auf jeden Künstler und seine Bilder individuell abgestimmte Bände in exzellenter Druckqualität, mit Papier, das man anfassen, riechen und beim Umblättern hören will, und in Formaten, die so eigenwillig sind, dass sie die Ordnung jedes Bücherregals stören. Joel Sternfelds neues Buch "iDubai" beispielsweise, dessen Produktion "How to Make a Book With Steidl" begleitet, ist klein und querformatig, herrlich geschmacklos gebunden, mit sechs Fotos auf jeder Doppelseite, was perfekt Sternfelds iPhone-Fotografien von superhässlichen Malls in Dubai entspricht.

Gehörige Portion Wahnsinn

"Die Idee dieses Films war, Wissen weiterzugeben: wie die Idee aus dem Kopf eines Künstlers ein Buch wird", sagte Steidl bei der Premiere am Mittwoch. Aber natürlich ist Steidl selbst mit seiner knarzigen Starqualität im Film dann noch faszinierender als die Kunst des Buchdrucks. Die Wonnen des Analogen sind bei ihm untrennbar verknüpft mit einer gehörigen Portion Wahnsinn.

Steidls Druckerei in Göttingen ist ein labyrinthisches Papier-Höhlen-System, in dem die eine, die einzige Druckerpresse - vergrößern will Steidl nicht - permanent rattert und meterhoch gestapelte Papiertürme und Ablagekästen gefährlich umsturzgefährdet aussehen. Der Chef selbst derwischt im weißen Laborantenkittel durch die Räume, ein unwirscher, hyperaktiver und mitreißend leidenschaftlicher Hexenmeister, der am liebsten jeden Bogen aus seiner Druckerei selbst kontrollieren würde und permanent unterwegs ist. So wahnsinnig ist sein Zeitplan, dass lange nicht feststand, ob er zur Premiere des Films am Mittwoch nach Leipzig würde kommen können, mehrfach wurde der Screening-Termin wegen ihm verschoben.

Dann stand er tatsächlich mit Jörg Adolph und Gereon Wetzel auf der Bühne. "Digital is made to forget, analog is made to remember", zitierte er Robert Polidori und schwärmte von der Idee des Verwahrens - in Filmen oder vor allem in Büchern. "How to Make a Book With Steidl", dessen Titel sich an ein hausinternes Handbuch anlehnt, kann mit Steidls Handwerkskunst und seinem Lebensrhythmus nicht ganz mithalten - aber die Dichte des Films, die Steidls Tempo versucht zu duplizieren, passt ganz gut. Und auch die Bildeinfälle - schrappelige Fotokameraaufnahmen mit zehn Bildern pro Sekunde oder von Fensterrahmen auffallend durchschnittene Totalen - könnten aus einem Steidl-Buch stammen.

Matt oder glossy?

Über ein Jahr hinweg haben die Filmemacher Steidl beim Büchermachen in Göttingen und bei Besuchen von Fotokünstlern rund um die Welt begleitet. Während die Blitzreisen kaum mehr als Sekundenaufnahmen ergeben, lässt sich der Film viel Zeit für die Gespräche mit den Künstlern: Fotolegenden wie Robert Frank, Martin Parr, Jeff Wall, Ed Ruscha oder Robert Adams sind zu erleben, aber auch Günter Grass, der glücklich wie ein Kind für Steidl den Titel der Jubiläumsausgabe der "Blechtrommel" selbst mit dem Pinsel malt. Allein wie Steidl mit diesen Großkünstlern umgeht, ist sehenswert: als ein Dienender - aber einen so offensiv und selbstbewusst dienenden Menschen hat man noch nicht gesehen.

Matt oder glossy, Duotone, Tritone oder Quattrotone werden schließlich zu den Fragen, die die (Bildband-)Welt bewegen, über die es sich lohnt, leidenschaftlich zu streiten. Halbherzigkeit geht nicht bei Steidl. Als die Farbwiedergabe von Joel Sternfelds Fotos zu gefällig gerät, nimmt er das gleich persönlich und herrscht den Fotografen nur halbironisch an: "Fuck the midtones" - pfeif auf die Mittelwerte.

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