"Feuchtgebiete" im Kino Es geht um Leben und Tod

Von "gottlos" über "mutlos" bis zu "nervig" reichen die Kritiken für den "Feuchtgebiete"-Film nach dem Roman von Charlotte Roche, der jetzt ins Kino kommt. Dabei ist er in erster Linie: gekonnt umgesetzt.

Von Ruth Schneeberger

Von Anfang an wurde dieses Buch skandalisiert. Einen Teil hat Charlotte Roche als Autorin und TV-Erprobte selbst dazu beigetragen, weil es ihr ein starkes Anliegen ist, zu provozieren.

Eine Teilschuld trägt auch Helene Hegemann, deren Namen die Öffentlichkeit heute schon fast wieder vergessen hat, die aber nach dem Erscheinen von "Feuchtgebiete" einen nicht ganz unähnlichen Roman namens "Axolotl Roadkill" auf die Welt gebracht hat. Der in den Feuilletons zunächst als Literatursensation gefeiert und später unter Plagiatsverdacht genauso schnell wieder verworfen wurde.

Diese jungen Dinger mit ihren unschönen Sexphantasien, war in der aufgeregten öffentlichen Debatte um Roche und Hegemann oftmals zu hören und zu lesen, warum müssen die denn jetzt auch noch alle Bücher schreiben?

Eigentlich ist es ja schön, wenn heutzutage Literatur, die auch noch das Massenpublikum anspricht, so stark im Fokus der Öffentlichkeit steht, dass eine halbe Gesellschaft monatelang darüber diskutiert. Allerdings fühlte sich ein Teil dieser Gesellschaft aus unterschiedlichen Gründen so vehement in ihren Grundfesten angegriffen, dass die Debatte dem Buch nicht gerecht wurde.

Kein billiges Machwerk

Es ist eben nicht so, dass "Feuchtgebiete" das billige Machwerk einer oberflächlichen und öffentlichkeitsgeilen TV-Tussi ist, die mit möglichst viel Sex und Ekel über ein Massenpublikum Geld scheffeln will, wie es teilweise sogar aus den seriösesten Stuben des Feuilleton zu vernehmen war. Wer das Buch wirklich und ernsthaft gelesen hat, kommt nicht umhin, zu attestieren, dass es zwar keine Hochliteratur, aber sowohl vom sozialpolitisch-feministischen Standpunkt aus interessant als auch recht unterhaltsam und manchmal sogar schreiend komisch ist.

Und nicht zuletzt: Mit 2,5 Millionen Käufern wurde es allein in Deutschland zum Bestseller. Das liegt nicht nur daran, dass es um Sex und um Ekel geht. Sondern auch daran, dass sich viele Leser wenn schon nicht in der Antiheldin wiederfinden, dann doch ihre Gedanken rund um Hygienewahn, Achselrasur, Analfissur und Selbstbefriedigung, aus Sicht der Frau bisher eher unterrepräsentierte Themen, eben doch höchst interessant finden.

Nun also der Film zum Buch. Sowohl das Filmplakat als auch die Vorab-Kritiken ließen Unschönes erwarten: Von einem pinken Plakat kommt einem der in Deutschland noch unbekannte Schweizer Nachwuchs-Star Carla Juri mit kunstvoll abgeblättertem Fingernagellack unangenehm nahe. Der Gesichtsausdruck: eher leer. Die Machart: eher billig.

Gesucht: die schlimmste Sex-Szene

Auch die Kritiken überschlugen sich keinesfalls mit Lob. Zwar wird der Film überall groß besprochen, einige attestieren sogar: besser als das Buch. Doch gleichzeitig wird meist ausdrücklich betont, dass das Buch ja keine große Literatur und in weiten Teilen nicht ernst zu nehmen gewesen sei. Und dass es nur dem Regisseur David Wnendt ("Die Kriegerin") zu verdanken sei, dass er aus der lahmen Geschichte noch so etwas wie Inhalt herausgeholt habe.

Ausführlich werden wahlweise die schlimmsten oder die erotischsten Szenen beschrieben, am Ende kommen die meisten Kritiker zu einem mehr oder weniger deutlichen Urteil. Zu demonstrativ und deshalb nervig, zu explizit und deshalb per se abzulehnen schreiben die einen. Zu verniedlicht und verharmlost, deshalb der politischen Schärfe der Vorlage nicht gerecht werdend, befinden die anderen. Immerhin einig sind sich die meisten: So schlecht sei der Film nicht, aber halt so eklig.

Das ist in etwa das umgekehrte Urteil gegenüber der Rezension des Buches 2008, als es im Großen und Ganzen hieß, das Buch sei komplett harmlos, es werde nur gelesen wegen der Sex-Szenen.

Das Verblüffende ist: Es ist alles ganz anders.