Festspiele Bayreuth Krachender Käfig - krachende Größe

Camilla Nylund als Geliebte (Elisabeth, Nichte des Landgrafen). Sie kann die Lynchjustiz gerade noch abwenden.

(Foto: Enrico Nawrath/dpa)

Der Promi-Auftrieb ist wie immer. Neu ist, dass der Auftakt der Richard-Wagner-Festspiele mit einer Panne beginnt. Ein defekter Venuskäfig stoppt den "Tannhäuser". Nach einer Zwangspause geht es weiter. Mit Begeisterung.

Von Helmut Mauró, Bayreuth

Der Promi-Auftrieb aus Politik und Wirtschaft zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele verlief wie gewohnt. Horst Seehofer, diesmal ohne Angela Merkel, dafür mit Kabinettskollegen und Bundesministern, auch Künstler kamen, wie etwa der türkische Pianist Fazil Say, der vor kurzem sein Klavierfestival in Antalya aus politischen Gründen schließen musste. Ungewohnt dagegen war, dass die Eröffnungspremiere, Richard Wagners "Tannhäuser", schon nach 25 Minuten ein jähes vorläufiges Ende fand. Mit einem lauten Knall war der Venuskäfig aus dem Bühnenboden nach oben gefahren, kurze Zeit später senkte sich der Theatervorhang. Aus den angekündigten 20 Minuten Reparatur-Verzögerung wurde eine Stunde. Danach ging es weiter, ohne Venuskäfig, dafür mit professioneller Improvisation auf ebener Erde.

Bayreuth generiert festliche Stimmung ohnehin unabhängig von äußeren Widrigkeiten und komplizierten Opernstoffen. Diesmal ist er besonders deprimierend. Es geht um die Verurteilung des lebensfrohen Tannhäuser wegen maßloser sexueller Begierde. Die Geliebte Elisabeth kann die Lynchjustiz der Ritter von der Wartburg gerade noch abwenden, das Todesurteil der enthaltsamen Edlen wird umgewandelt in einen lebenslangen Prozess, an dessen Ende nun nicht mehr die Todesstrafe steht, sondern eine reumütige Pilgerreise nach Rom. Aber auch Rom, wen wundert es, verzeiht nicht, und so muss Gott höchstselbst durch ein Wunder eingreifen und die Liebenden retten. Die sind inzwischen aber verstorben. Siebzig Jahre vor Sigmund Freud schlägt sich Wagner in dieser Oper mit Triebsublimierung und Kulturentwicklung herum, mit Verdrängungsstrategien und Psychohygiene.

Grazile Feinarbeit, krachende Größe - und herausragend die Sänger und Sängerinnen

Und die Aufführung selber? Hat begeistert. Weil das Festspielorchester unter Leitung von Axel Kober, sonst Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein, in graziler Feinarbeit und dann wieder in beachtlicher Intensität und krachender Größe überwältigt hat, und weil die Sängerinnen und Sänger nicht übermäßig brillierten, aber überzeugten. Allen voran: Torsten Kerlals bravouröser Titelheld Tannhäuser, der in Ensembleszenen allerdings arg pressen muss, um noch durchzudringen; Markus Eiche als Wolfram von Eschenbach und Camilla Nylund als zutiefst tragische Elisabeth. Michelle Breedt, die als Venus schwanger muss hier schwanger gehen - und so ist sie nicht grazile Jugendschönheit, sondern eine Art Urmutter. An die einstige Skandalinszenierung hat sich das Publikum offenbar ganz gut gewöhnt.

Auch die Inszenierung wurde nach dem ersten Akt freundlich beklatscht; die Premiere vor drei Jahren endete noch mit einem Buh-Sturm. Dabei hat Regisseur Sebastian Baumgarten, der aus dem Umfeld von Ruth Berghaus aber auch Robert Wilson kommt, im Grunde weder dekonstruiert, noch konterkariert. Er hat, so statisch das mitunter auch aussehen mag, alles in Zirkelbewegung gebracht, in kreisendes Werden und Vergehen, und am Ende darf alles ganz furchtbar in sich zusammen krachen. Dieses dramatische Grundbedürfnis Richard Wagners hat der Regisseur allerdings besonders drastisch auf die Bühne gebracht. Ständig ist man konfrontiert mit Maschinen, wo es um Menschen geht und um ein Seelenleben, das hier offenbar seine späte Industrialisierung erfährt.

Baumgarten hat dazu die Bühne mit einer raumfüllenden Installation des holländischen Künstlers Joep van Lieshout zugestellt, die mit blauen, roten und grünen Maschinen und Tanks eine Biogasanlage und einen "Alkoholator" als treibende Kräfte in den Mittelpunkt rückt. Aus menschlichen Exkrementen wird Energie gewonnen, die zur Nahrungsaufbereitung gebraucht wird und zum Brennen von Alkohol. Im Keller liegt das ferne Rom, ebenso der Venusberg, der hier ja lediglich Triebabfuhr bedeutet. Das ist einerseits alles logisch und bis ins Detail aus Wagners Libretto und Partitur herauszulesen, aber es ist natürlich auch ein bisschen degoutant und vielleicht sogar ein bisschen banal im Zusammenhang des musiktheatralischen Aufwandes, den Wagner treibt, um die im frühen Mittelalter vom Christentum verdrängten germanischen Gottheiten für kurze Zeit wieder aufleben zu lassen. Allen voran natürlich Frau Venus aus dem Hörselberg, die von christlichen Ideologen und Eiferern als teuflische Verführerin diskreditiert wurde und ursprünglich als Frau Holda die reine Freude war, nämlich Göttin der Fruchtbarkeit. In der Märchensammlung der Gebrüder Grimm wird sie später Frau Holle heißen, und in Baumgartens Inszenierung rieselt deshalb hin und wieder Kunstschnee aus dem Bühnenboden. Nichts in dieser denkwürdigen, grellen, vor den Kopf stoßenden Inszenierung bleibt ohne Sinn und Verstand.