"Eine offene Rechnung" im Kino Agententugenden mit begrenzter Haltbarkeit

Mischung aus Agententhriller und Psychodrama: In John Maddens "Eine offene Rechnung" bringen drei Mossad-Agenten im Ost-Berlin der sechziger Jahre einen KZ-Arzt zur Strecke. Dafür werden sie heroisch gefeiert, doch es bleiben Fragen offen.

Von Susan Vahabzadeh

So sieht sie aus, die finstere Seite einer James-Bond-Story, das hässliche, realistische Spiegelbild der Agentenkunstwelt, die das Kino sich erschaffen hat: grauer Himmel über Ost-Berlin statt Sonnenschein auf Jamaika, Sechziger-Jahre-Flair der unrenovierten Art, keine Luxusvilla, sondern eine heruntergekommene Altbauwohnung, in deren schäbiger Vorkriegsküche sich das dreckige Geschirr stapelt.

Die Agenten, die hier wohnen, spülen selbst, und sie fahren auch keinen Aston Martin, sondern ein geklautes DDR-Postauto. Der britische Regisseur John Madden, durchaus der richtige Mann für Kostümfilme - er hat unter anderem "Shakespeare in Love" gemacht - lässt ein Ost-Berlin zur Zeit des Kalten Kriegs wiederauferstehen, dass einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ein paar Dinge sind von Anfang an klar in dieser Geschichte, die zwischen zwei Zeitebenen pendelt: Es wird eine heroische Rückkehr nach Israel geben für drei Mossad-Agenten, die in den sechziger Jahren ausgezogen sind, einen Arzt zu jagen, der grausige Menschenversuche im Konzentrationslager Birkenau gemacht hat.

Rachel, David und Stefan - sie haben das Monster gefangen. Sie wollen den KZ-Arzt nach Israel bringen, dort soll er vor Gericht gestellt werden, aber er versuchte zu fliehen. Und heute noch, dreißig Jahre später, wird Rachel Singer dafür gefeiert, wie kaltblütig sie ihn in diesem Moment erschossen hat.

Jessica Chastain spielt sie, die Mutter aus Terrence Malicks "The Tree of Life" und derzeit der kommende weibliche Star des amerikanischen Kinos. Auf der zweiten Zeitebene wird Rachel von Helen Mirren dargestellt, der oscarprämierten "Queen". Die beiden Auftritte verschmelzen auf wunderbare Weise miteinander, was viel mit Spiel zu tun hat und weniger mit physischer Ähnlichkeit - man kann sich gut vorstellen, wie aus der leidenschaftlichen jungen Frau eine beherrschte Stoikerin geworden ist.

In der Fremde aneinandergekettet

"Eine offene Rechnung" ist eine Kreuzung aus Agententhriller und Psychodrama, es geht vordergründig um eine große, gefährliche Mission, aber mehr noch, im Innern, um die Menschen, die sie durchziehen sollen, und an denen sie keinesfalls einfach so, agentenfilmmäßig, abperlt.

Die Zweifel, mit denen sie kämpfen und die Wut, die sie dorthin getrieben hat, verselbständigen sich. Und selten hat das unstete Agentenliebesleben so viel Sinn ergeben wie in diesem Kontext: Rachel wurde der kleinen Einheit frisch zugeteilt, weil eine Frau gebraucht wird, um näher heranzukommen an das Zielobjekt. Eine Ménage-à-trois, Rachel, David und Stefan sind in der Fremde aneinandergekettet, nur sie wissen voneinander, wer sie wirklich sind.

Als Genrefilm hat "Eine offene Rechnung" durchaus seinen Reiz - und es sind ein paar schöne Einfälle dabei. Der Plan beispielsweise, wie man einen gefangenen Nazi in den Westen schaffen will - mit der West-S-Bahn nämlich, wenn sie durch einen Geisterbahnhof auf Ostgebiet rauscht.

Vom Dasein im Untergrund erzählt John Madden wesentlich glaubwürdiger als üblich, es geht um die unglamourösen Niederungen der Auslandseinsätze und um die begrenzte Haltbarkeit einer Agententugend namens Todesmut. Rachel, die sich in die Praxis des Zielobjekts eingeschlichen hat, das sich jetzt Dr. Bernhard nennt, spielt eine Patientin mit einem Fertilitätsproblem - und sie ist schwanger.

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