Dolmetscherin in Brüssel Wie Dolmetscher die nächtelangen Sitzungen überstehen

Ausschmückungen sind wahrscheinlich ohnehin schwierig zu dolmetschen?

Die Engländer verwenden zum Beispiel gerne Zitate aus der Bibel und von Shakespeare. Und dann auch noch Cricket, dann sagt zum Beispiel einer: "He's hit for six." Also: "Den hat er für sechs gehauen." Das sagt einem Deutschen überhaupt nichts.

Und dann?

Da muss ich sagen "Alle Neune". Kegeln kennt in Deutschland jeder. Das ist das Schwierige am Dolmetschen und das Schöne. Wir hatten einmal einen Abgeordneten, der gerne im Französischen schwierigste Metaphern verwendet hat, zum Beispiel "tirer des plans sur la comète," also "Pläne auf den Kometen ziehen". Eine Kollegin sagte mir dann, das heiße einfach, dass eine Sache unsicher sei. Ich habe Proust gelesen, aber das ist mir nie untergekommen.

Wie dolmetschen Sie das?

Im Deutschen wäre das "auf Sand gebaut".

Und was sagen Sie, wenn Sie sich doch einmal vertan haben?

Das passiert natürlich und dann korrigiert man sich: "Was natürlich eigentlich gemeint war, ist ... die Dolmetscherin entschuldigt sich" oder "Und übrigens, dass waren nicht 3,5 Millionen, sondern das waren 3,8 Millionen".

Müssen Sie manchmal ganze Nächte dolmetschen, wenn sich die Politiker nicht einig werden?

Nicht mehr so wie früher. Da kam man morgens um zehn rein und am nächsten Tag um zehn wieder raus. Bei der Kommission zum Beispiel waren wir Ende der 80er Jahre in einer endlos langen Sitzung. Es war so nachts um zwei und die Sitzung war ausgesetzt worden, weil der Ratspräsident sogenannte Beichtstuhlgespräche führte, wo er mit den Delegationen einzeln spricht. Wir, die drei deutschen Dolmetscher, fingen also an, Skat zu spielen. Wir mussten ja wach bleiben. Wir hatten Pizza kommen lassen, das war damals noch ohne Weiteres möglich. Der Pizzabote kam einfach ins Haus.

Und dann?

Der Ratspräsident versuchte die Stimmung etwas aufzulockern und sagte schließlich: "Ich hätte einen Witz für die Kollegen." Alle Beteiligten waren etwas gelangweilt, weil er den Witz wohl schon sehr oft erzählt hatte. Mein Kollege sagte einfach statt zu dolmetschen: "Ah, jetzt kommt wieder der Witz, den kennen Sie ja schon, aber Sie haben Glück, ich kennen einen besseren." Und er erzählte diesen nicht ganz anständigen Witz, der ein prima Lacherfolg war. Die Deutschen waren begeistert und der Ratspräsident war ganz happy, dass die Deutschen seinen Witz so lustig finden.

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