Dokumentation über Beyoncé Knowles Selbstbestimmt wie ein Handyfoto

Dokumentiert ihr Leben einfach mal selbst: Beyoncé Knowles.

(Foto: REUTERS)

Erst ihr Playback der Nationalhymne bei Obamas Inaugurationszeremonie, dann ein Auftritt in der Halbzeitpause der Super Bowl im Lack- und Lederoutfit. Pop-Superstar Beyoncé ist derzeit ohnehin überall. Nun hat sie auch noch eine Doku über ihr Leben gedreht.

Von Peter Richter, New York

Beyoncé Giselle Knowles-Carter, Jahrgang 1981, ist eine tüchtige Frau. In jüngster Zeit geht es einem mit ihr wie dem Hasen mit dem Igel. Wo immer man hinzappt, hat sie sich bereits warm getanzt. Bei der Inaugurationszeremonie zu Obamas zweiter Amtszeit, Nationalhymnen-Playback: Beyoncé. In der Halbzeitpause der Super Bowl im Football, Lack- und Ledershow: Beyoncé. Und jetzt der erste große Dokumentarfilm über das Leben und die Kunst von Beyoncé, Samstagabend zur Primetime ausgestrahlt im Bezahlsender HBO, wer hat den wohl gemacht? Hahahaa: Beyoncé natürlich!

Wer gedacht hat, dass Gesamtkunstkontrollfreaks Madonna heißen oder Gaga, der kennt Frau Knowles aus Texas nicht, die ganz normal gebliebene Superdiva von nebenan.

Eine gute amerikanische Journalistentradition mit dem Namen "Disclosure" verlangt nun, dass man gleich am Anfang eines Textes auf mögliche Interessenskonflikte hinweist. Der Autor befindet sich hier in einem solchen. Er bewundert Beyoncé Knowles, aber er schaltet normalerweise den Ton ab, sobald sie auftaucht. Eine rein private Abneigung gegen das, was heute R&B genannt wird. Frauen, die klingen wie Männer, denen beim Singen sanft die Hoden malträtiert werden, kann man mögen, muss es aber nicht. Andere Spielarten schmerzhafter, auch schwarzer Musik sind ihm näher.

Erst am Abend zuvor hatte er zum Beispiel den vermutlich genialen Gitarristen Tosin Abasi erleben dürfen - im Vorprogramm der schwedischen Rhythmusforschungsgruppe Meshuggah. Das fiepte also sowieso noch in den Ohren, als im Fernseher Beyoncé auftauchte. Andererseits: Was für eine herrliche, reiche Welt, in der das beides seinen Platz hat - steife, autistische Mannsbilder, die sich wie Käfersammler in ihre Instrumente hineinbeugen, und dann wiederum diese Aerobicshow von rasenden Mänaden.

Ganz schön viel Schenkel für das Geld

So ein HBO-Abo kostet übrigens nur acht Dollar im Monat, und das ist ein Witz, wenn man bedenkt, dass unmittelbar vor der Beyoncé-Doku auf dem Parallelkanal HBO2 noch die neueste Folge von "Girls" lief, wo Lena Dunham, die andere wichtigste Frau der amerikanischen Gegenwartskultur, schon wieder sehr viel Sex mit einem attraktiven Mann hatte. Lena Dunham ist sozusagen die Beyoncé der weißen Mittelschichts-Loser; sie ist auch Erfinderin, Hauptfigur und Regisseurin zugleich und zeigt in ihrer Serie das, was sie gern hätte, und weil es in der ersten Staffel Kritik an zu viel Sex und Nacktheit gab, heißt das in der zweiten Staffel: noch mehr Sex und Nackigkeit. Ätsch.

"Girls" und Beyoncés "Life is but a Dream" hintereinanderweg, das heißt am Ende vor allem: ganz schön viel Schenkel für das Geld, ob man will oder nicht. Völlig unbegreiflich von hier aus, was da neulich über die deutsche Brüderle-Debatte in der Zeitung stand; hier werden die Körperlichkeitsdiskurse jedenfalls noch einmal ganz, ganz anders geführt.

Der Film: Suburbia von Houston, Beyoncés dunkle Stimme erzählt von ihrem strengen, offenbar recht Peter-Graf-haften Vater, man sieht kleine Mädchen vor einem großen Haus, dann ein Schnitt und: Show von heute. Bühnenwind. Eine Deko aus digitalen Bienenwaben. Beyoncé ist natürlich die Bienenkönigin, die so tun darf, als sei sie hier nur die Stripperin, der man Dollarnoten in den Bikini schieben soll. Dann hält sie inne, sagt ihrem Publikum: "Jetzt bitte mal herhören!", und dann, Hohohohoohaa, eine dieser Vier-Oktaven-Koloraturen, mit denen sich der R&B so gerne als die Belcanto-Oper von heute ausgibt.