Dokumentarfilm "Amateurs in Space" Porträt eines soziopathischen Tüftlers

Der Däne in seinem U-Boot "Nautilus", in dem er eine Journalistin getötet haben soll.

(Foto: dpa)

Lange bevor Peter Madsen in Verdacht kam, die Journalistin Kim Wall ermordet zu haben, entstand eine Doku über ihn. Sie zeigt einen schwierigen, unnahbaren Menschen.

Von Kathleen Hildebrand

Eigentlich ist "Amateurs in Space" eine Dokumentation über zwei Männer, die beschließen, eine Rakete zu bauen. Eine echte, die irgendwann Menschen, nämlich sie selbst, ins All schießen soll. Sie kaufen dafür in Baumärkten Material zusammen, sie konzipieren, schrauben, schweißen und schaffen es bis zum gelungenen Teststart. Schließlich zerstreiten sie sich aber so heillos, dass ihr Projekt doch scheitert. Der Film vom dänischen Regisseur Max Kestner hätte eine interessante Studie über zwei Bastler werden können - und über die Frage, ob Genie und Wahnsinn sich gegenseitig bedingen oder nicht.

Aber es ist anders gekommen. Niemand wird diesen Film mehr mit jenem verwunderten Interesse ansehen können, das der Regisseur seinen Protagonisten entgegengebracht hat. Denn einer von ihnen ist Peter Madsen, der Unternehmer und U-Boot-Bauer, der seit August im Verdacht steht, die schwedische Journalistin Kim Wall ermordet zu haben.

Als Max Kestner die zwei Freunde Peter Madsen und Kristian von Bengtson 2009 kennenlernt, liegt der Tod von Kim Wall noch acht Jahre in der Zukunft. In einer kurzen Einstellung sieht man in der Doku, wie das U-Boot zu Wasser gelassen wird, in dem Wall 2017 gestorben ist. Aber "Amateurs in Space" erzählt natürlich eine andere Geschichte. Es geht um den großen Traum von der Raumfahrt und um die irre Sehnsucht von Madsen und Bengtson, zu zweit etwas so absurd Kompliziertes wie eine Weltraumrakete für Menschen zu bauen.

U-Boot-Kapitän Madsen gibt zu, Kim Wall zerstückelt zu haben

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Und genau so zeigt Kestner die beiden. Als jungenhafte Technikfans, denen normale Berufswege zu langweilig sind. Und von denen der eine, nämlich Madsen, diese Verachtung fürs Konventionelle auch ordentlich heraushängen lässt: "Heutzutage schließen 25-Jährige schon Rentenversicherungen ab", sagt er angewidert zu Beginn des Films, "Was für eine Welt ist das? Die uns nicht leben lässt, während wir leben?" Im Hintergrund klimpert ein Klavier, dessen Melodie sich nach und nach aufschwingt, Streicher setzen ein. So klingt es, wenn ein Film anhebt, von der Umsetzung eines Traums zu erzählen.

Das Bild des Tüftlerhelden will sich nicht einstellen

Nur bekommt man als Zuschauer dieses zerfurchte Gesicht von Peter Madsen, das oft in den Artikeln über Kim Walls Tod zu sehen ist, einfach nicht mit diesem Narrativ zusammen. Wie sie gestorben sei, wisse er nicht, hat Madsen der Polizei gesagt. Dass er ihre Leiche zerstückelt und im Meer versenkt habe, das hat er zugegeben. Seine Aussagen sind widersprüchlich, manche wurden von der Untersuchung der Leiche bereits widerlegt. Seine Schuld ist nicht bewiesen und vielleicht wird sie es nie sein. Aber das Bild des Tüftlerhelden, das der erste Teil des Films erwecken will, kann sich mit diesem Fall im Hinterkopf nicht einstellen.

Im Verlauf des Films schließt sich dieser Graben zwischen Romantisierung und Realität ein kleines bisschen. Er zeigt, wie Madsens soziopathische Züge immer stärker werden. Erst beschimpft er freiwillige Helfer, weil sie den Hangar nicht anständig aufräumen ("Niemand braucht euch hier!"). Und als sein Kollege Bengtson die Funktion des Flugleiters für das gemeinsame Projekt übernimmt - ein Posten, den Madsen nicht haben will - beginnt die Freundschaft der beiden zu zerbrechen.

Bald wirft Madsen ihm vor, er habe die Macht an sich gerissen. Dass er selbst nicht mehr mitbestimmen dürfe bei seinem eigenen Projekt. Er unterstellt Bengtson mangelnde Begeisterung, weil der neben dem Projekt auch noch Zeit mit seiner Familie verbringen will. Madsens enorme Energie, mit der er die Rakete bis zu einem verblüffend erfolgreichen Teststart im Jahr 2013 bringt, richtet sich gegen ihn selbst. Madsen steigt aus, allem Gutzureden zum Trotz.

Am Ende hat man das Gefühl, aus diesem erst so schräg in der Gegenwart stehenden Film doch einiges gelernt zu haben über den Menschen Peter Madsen. Nichts, was unweigerlich einen Mord zur Folge haben müsste oder auch nur die brutale Vertuschung eines tödlichen Unfalls. Aber doch, dass er ein Mann ist, der in seiner eigenen, oft wahnhaften Welt lebt, und der anders als über technische Fragestellungen unerreichbar ist für andere Menschen.

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