"Janis: Little Girl Blue" im Kino Roh, frei und selbstzerstörerisch

Janis In Furs 21st April 1969: American blues rock singer Janis Joplin (1943 - 1970). (Photo by Stroud/Express/Getty Images)

(Foto: Getty Images)

Janis Joplin starb 1970 an einer Überdosis. Die Regisseurin Amy J. Berg hat nun einen starken Dokumentarfilm über die Sängerin gedreht.

Von Fritz Göttler

In der Studienzeit wurde sie von einer Studentenvereinigung zum "hässlichsten Mann auf dem Campus" gekürt. Man kann verstehen, wie's dazu gekommen ist, wenn man die Bilder dieser Jahre sieht, den Teenagerspeck, das pummelige Lächeln, die üppige Lockenpracht, sie wirkt brutal provinziell. Die Eltern hätten es gern gesehen, wenn sie ein typisches Kleinstadtleben verfolgt hätte, in ihrer Heimatstadt Port Arthur, Texas. Janis Joplin floh vor dem Horror des amerikanischen Mittelstands in die Gegenwelt San Francisco - Flowerpower, Musik, Heroin, Unabhängigkeit. Gegen Ende von Amy J. Bergs Film gibt es Szenen von einem späten Schülertreffen, da wirkt Janis bestürzend fehl am Platz.

Die Regisseurin Amy J. Berg wurde bekannt durch ihre Dokumentarfilme über gesellschaftliche Defizite und Deformationen, über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ("Deliver Us from Evil"), ein folgenschweres Fehlurteil ("West of Memphis") oder die Church of the Latter-Day Saints ("Prophet's Prey"). Berg macht klassisches Dokumentarkino, für "Little Girl Blue" hat sie die volle Unterstützung des Joplin Trust, konfrontiert reiches Studio- und Bühnen- und Heimvideo-Material mit Interviews von heute.

Man erlebt erneut die irren Auftritte beim Monterey Pop Festival 1967 - das von D. A. Pennebaker gefilmt wurde - und bei Woodstock. Außerdem gibt es erstmals eine fröhliche und zugleich unglaublich berührende Szene, in der Janis on the road "Me and Bobby McGee" singt. Zu ihrem Leben gibt es Erinnerungen und Erklärungen von ehemaligen Kollegen, dem Bruder und der Schwester. Dazu liest Chan Marshall, bekannt als Cat Power, Auszüge aus Briefen an die Eltern. Lust am Erzählen klingt darin auf, ein Rest Liebe, Versuche der Rechtfertigung.

Eine merkwürdige Beziehung gab's mit Talkmaster Dick Cavett

Man staunt manchmal, wenn man diese Szenen aus den Sechzigern sieht, wie viel von den verachteten Momenten des Mittelstands, dem diese Kids entfliehen wollten, sie immer noch mit sich herumtragen. Da ist eine merkwürdige Spießigkeit noch in ihrem verrücktesten Outfit und in dem Schlendrian, mit dem sie sich der Kamera präsentieren. Bei ihrem letzten Auftritt in der Dick Cavett Show ist Janis kostümiert, als wäre sie unterwegs zum Tanz der Marktweiber auf dem Münchner Viktualienmarkt. Ihr Kichern ist immer unerwartet, mädchenhaft, naiv, und Cavett ist irgendwie beeindruckt und physisch angezogen. Und der alte Cavett, wenn er sich an diese Szenen in seiner Show erinnert, spricht davon wie von einer intensiven Beziehung.

Der Film ist, anders als Asif Kapadias vielgerühmte Amy-Winehouse-Doku "Amy", frei von jeder Spur Voyeurismus. Schon deshalb, weil Janis Joplin den Kampf gegen Alkohol und Drogen, für Unabhängigkeit und Liebe zum Teil ihrer Performance gemacht hat. Was Janis von den Männern um sie herum - den Musikern, Freunden, Lovern - unterscheidet, ist, wie sie sich ihrer eigenen Verletzlichkeit bewusst ist. Wenn sie auf die Bühne geht, gibt es keine Hülle mehr, kein Schutzgewebe aus Musik und Lyrics. Sie singt und röhrt, sie häutet sich, sie setzt sich aus. Nichts als Rohmaterial. Die Dialektik der absoluten Freiheit, die es ohne Selbstzerstörung nicht geben kann - Joplin starb 1970 an einer Überdosis. Amy J. Berg hat diesen Effekt von Janis' Musik zum Ausgang ihres Films gemacht. "Sie wollte Gleichheit, sie wollte Integration, sie wollte Meinungsfreiheit. Sie wollte den Blues singen", sagt sie. "She wanted to go out and explore."

Janis: Little Girl Blue, 2015 - Regie: Amy J. Berg. Erzählt von Chan Marshall (Cat Power). Schnitt: Billy McMillin, Garret Price, Joe Beshenkovsky. Kamera: Francesco Carrozzini, Paula Huidobro, Jenna Rosher. Arsenal, 103 Minuten.

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