DJ Bobo Der Bob Dylan des Eurodance

Europa braucht dich, DJ Bobo.

(Foto: dpa)

DJ Bobo zählt sich selbst zu den "meistunterschätzten Musikern". Recht hat er. Eine verspätete Würdigung des Trash-Königs und visionären Europäers.

Von Julian Dörr

Eigenlob ist nicht nur schwierig, sondern zeugt auch von schlechtem Charakter. Andererseits: Was bleibt einem übrig, wenn die eigene Größe von den Zeitgenossen übersehen und kaltherzig ignoriert wird? Wenn man auf den Schultern von Giganten steht und weiter hinausblickt in die Zukunft als alle anderen? Tja, dann muss man als verkannter Riese eben selbst die eigene Riesenhaftigkeit loben. Der verkannte Riese ist in diesem Fall ein kleiner Schweizer namens Peter René Baumann - besser bekannt als DJ Bobo.

Dieser DJ Bobo hat sich in einem Interview mit dem hessischen Radiosender hr1 selbst als einen der "meistunterschätzten Musiker, die es überhaupt gibt" bezeichnet. Doch was zunächst nach der klassischen Kombination aus Selbstüberschätzung und Aufmerksamkeitsgeheische klingt, ist nichts als die Wahrheit: DJ Bobo, der verlachte Hampelmann des Eurodance, ist einer der meistunterschätzten Musiker, die es überhaupt gibt.

Ist da mehr als Nostalgie für eine gute alte geschmacksverunsicherte Zeit?

Draufhauen ist bei ihm ja grundsätzlich einfach. Man kann DJ Bobo hämisch verspotten für seine mangelhaften musikalischen Fähigkeiten, seinen monotonen Sprechgesang, seine - in ihrem Neunzigerjahre-Dröhnklang - allesamt austauschbaren Produktionen. Man kann seine Songs aber auch, und das ist nicht weniger fies, ganz ironisch wegkreischen. Wie auf einer Bad-Taste-Party, nach der man am nächsten Morgen in Leo-Spandex, Neon-Netztop und Glitzerhaarreif aufwacht und sich reuig fragt: Hab ich da gestern wirklich zu DJ Bobo getanzt? In Deutschland hat er es diesseits der Jahrtausendwende zu keiner goldenen Schallplatte mehr gebracht. Im Hellen und bei klarem Verstand will niemand etwas mit DJ Bobo zu tun haben.

Außer Jan Böhmermann. In dessen Wetten, dass ..?-Coversendung durfte DJ Bobo in dieser Woche auftauchen - und legte mit seinem Hit-Medley vor brennenden Fässern gleich den besten Auftritt des Abends hin: "Everybody", "Freedom", "There Is a Party" - der Schlagzeuger von Böhmermanns Studioband konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen. Im Glitzerjackett gab DJ Bobo den schweizerischen Pharrell Williams. Dass bei ihm sowohl Hut als auch künstlerischer Genius fehlen? Geschenkt. Doch was steckt hinter DJ Bobo - außer der Nostalgie für eine gute alte geschmacksverunsicherte Zeit?

Zehn Jahre lang hat sich DJ Bobo für seine Hits geschämt, aufgehört hat er nie. DJ Bobo ist so etwas wie der Bob Dylan des Eurodance. Nein, nicht der Literaturnobelpreisträger Dylan, sondern der Immer-weiter-Macher-Dylan, der seit den späten Achtzigern auf der "Never Ending Tour" durch die Welt tingelt und sich Abend für Abend durch seinen Songkatalog mehr quält als singt. DJ Bobo ist seit den Neunzigern unterwegs, er performt Jahr um Jahr in Mehrzweckhallen und in Freizeitparks, neben meterhohen Buddahstatuen und im Piratenkostüm. Gerade ist er wieder auf großer Promo-Tour, 13. Studioalbum, 25. Bühnenjubiläum, neue Autobiografie. Hat das irgendwer mitbekommen? Nein. Hat er trotzdem weitergemacht? Ja.

DJ Bobo ist also nicht nur Bob Dylan, sondern auch der große Stoiker des Neunzigerjahre-Pop. Seine Hartnäckigkeit ist vorbildlich - und sie wird belohnt. DJ Bobo ist einfach so lange dabei geblieben, bis der ewige Kreislauf des Pop-Recyclings ihn wieder nach oben gespült hat. War Eurodance zwischenzeitlich in der tiefen Schublade der Geschmacklosigkeit verschwunden, haben globale Stars wie Lady Gaga ihn mittlerweile als Kunstform geadelt.

Diese Wiederentdeckung und Neubewertung des Eurodance kommt zum richtigen Zeitpunkt. Hatte die Bewegung doch auch immer ein utopisches Moment. Damals in den Neunzigern lebte sie den Traum von einer großen europäischen Musik, vereint auf den Tanzflächen des Kontinents. Die Geschichte hatte mit dem Mauerfall gerade einen gewaltigen Satz gemacht und schien unaufhörlich in eine goldene Zukunft zu steuern. Heute wissen wir: Nach Brexit und immer lauter werdendem Nationalistengerede steht es um diese goldene europäische Zukunft gerade eher schlecht.

Aber wenn man nachspüren will, ob im Eurodance noch immer der Traum von der grenzenlosen Welt lebt, dann muss man sich nur durch die Kommentarspalte unter DJ Bobos vielleicht größtem Hit "Everybody" lesen. Kids aus Korea, alte Herren aus Rumänien, Portugiesen, Niederländer, Argentinier. Die Welt zu Gast bei DJ Bobo. Wenn ein kleiner Mann aus der Schweiz, der nach eigenen Angaben weder singen noch komponieren kann, es schafft, all diese Menschen in Frieden und Freude auf seinem Youtube-Kanal zusammenzubringen, dann brauchen wir ihn ganz dringend. Europa braucht dich, DJ Bobo. Genug gelobt?

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