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Neues Album "Sturm & Stille":Sportfreunde Stiller sind keine Band

Peter Brugger, Christian Weber, Rüdiger Linhof (v.l.): Wellnesshotel Stiller beim Versuch, Sportfreunde Stiller zu sein.

(Foto: Ingo Pertramer/Universal Music; Bearbeitung SZ.de)

Wären sie eine, sie klängen so, wie ein vergilbtes Panini-Stickerheft aussieht. Glücklicherweise gibt es eine Alternativerklärung.

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"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne.

Ganz am Anfang muss man ganz genau aufpassen, sonst tappt man in die Falle. Und kommt auf die irre Idee, dass es sich bei den Sportfreunden Stiller tatsächlich um eine Band handeln könnte. Ganz am Anfang also, in den ersten Sekunden des ersten Songs des neuen Albums, brummt ein Cello. Ein warmer Grundton wabert durch die Aufnahme, dann setzt das Piano ein. Eine Gitarre ist hier nirgendwo zu hören. Und auch keine Band. Denn die Sportfreunde Stiller sind keine Band, sie sind ein Wellnesshotel.

Wir haben die neue Sporti-Platte "Sturm & Stille" jetzt einfachheitshalber Album genannt. Besser und treffender aber ist: Spa-Programm. Es wäre falsch, diese zwölf Stücke als Musik zu rezipieren. Wirken sie dann doch in ihrer Biederkeit und Nostalgiesucht, mit ihrer Imperfekt-Lyrik und ihren Zwangsreimen wie ein vergilbtes Panini-Stickerheft. Da die Sportfreunde Stiller aber keine Band sind, schreiben sie auch keine Songs. Auf "Sturm & Stille" präsentieren Peter Brugger, Florian Weber und Rüde Linhof Entspannung nach Plan, unprätentiös, ungefährlich und maximal erholsam - zwölf Anwendungen im Wellnesshotel Stiller.

Das alles kann und will man den drei Jungs-Männern nicht übel nehmen

Den ersten Song könnte man noch missverstehen: "Raus in den Rausch" heißt er, und wüsste man es nicht besser, man würde ihn glatt als Aufruf hören, noch einmal richtig auf die Kacke zu hauen - so als gesetzter Mittvierziger. Aber das ist ja Quatsch. "Raus in den Rausch", das ist nach dem Cello-Intro klar, ist pure Seelenstreichelei. "Taufrisch" wird da in den Tag gestartet, "Küsse schmecken neu", und die Lampions leuchten für "Kind und Kegel, Mann und Maus". Schlagzeug und Gitarre stürzen sich dann doch noch in den Mix, aber alles bleibt harmlos. Schließlich ist das ja eine Hot-Stone-Therapie mit wohltemperierter Gitarre - und keine Rock-Musik.

Das Wellnesshotel Stiller bietet alles, was der gestresste und von der Musikmoderne überforderte Hörer braucht. Der Titeltrack "Sturm & Stille" kuschelt sich mit "Weißt du noch?"-Zeilen an den gealterten Fan heran, der mit Rückenschmerzen vom Kinderwagenschleppen auf der Massagebank liegt. "Disko4000" ist ein fescher Feger für die Tanzparty am Abend, wo sich "Diskomaus" und "Metalklaus" endlich näherkommen dürfen. Und da man sich im Wellnesshotel Stiller auch um äußerliche Alterungserscheinungen kümmert, gibt es in "Keith & Lemmy" auch noch ein bisschen Hilfe zur Selbstakzeptanz: "Wir alle sehen wie Keith Richards aus, irgendwann."

Natürlich gehört zum künstlerischen Rahmenprogramm dieses Spa-Wochenendes auch ein bisschen Unterhaltung. Weshalb die Betreiber des Wellnesshotels Stiller ein paar Mal vorzutäuschen versuchen, man sei tatsächlich doch eine echte Band. Was in allen Fällen aber zu schlechten Kopien real existierender Mittelmaß-Musik führt. Während der nervige Falsett-Groove von "Lumpi (L.U.M.P.I.)" an die nervigen Muse erinnert, kanalisiert das Gitarren-Hall-Inferno von "Brett vorm Herz" die Kings of Leon in ihrer U2-Phase.

Das alles kann und will man den drei Jungs-Männern nicht übel nehmen. Zu sympathisch, zu nett, zu höflich sind sie. Weshalb das Wellnesshotel Stiller auch so wunderbar funktioniert. Die Band Sportfreunde Stiller hingegen nicht.

Der Song "Ich nehm's wie's kommt" hat es sich, getragen von der Weisheit des Alters, im guten Leben bequem gemacht. Wie dieses gute Leben für die Sportis aussieht, malt dann der Bonus-Track "Zeit für Gutes" aus: Rudi Völler als Bundespräsident, Geburtstagsständchen von Angus Young und immer nur Thees-Uhlmann-Romane. Harmonisch, friedlich und entspannt. Gelassenheit macht das Leben ja tatsächlich besser. Und die Musik unfassbar langweilig.

© SZ.de/jobr/mane
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