Digitale Musik "Die Nischen finden nicht mehr statt. Alles wird gleichförmig, verkommt zum Einheitsbrei."

Nicht nur die Künstler sind in ihrer Existenz bedroht. Im Gegensatz zum Mainstream-Pop verwandeln sich Jazz und Klassik in den Datenbanken der Streaming-Dienste laut Salon in "unsichtbare" Genres, sie gehen unter, sie verschwinden. Grund dafür ist ein technisches Problem: Die Metadaten eines klassischen Stückes sind wegen der vielen beteiligten Künstler komplexer als bei einem Popsong. Welchen Namen tippe ich in die Suchmaske von Spotify? Den des Komponisten? Den des Dirigenten? Und was, wenn ich einen ganz bestimmten Musiker des Orchesters suche? Bis heute konnten die großen Anbieter keinen geeigneten Algorithmus für eine solche spezifische Suche entwickeln. Und tragen deshalb zur Marginalisierung dieser Genres bei einem jüngeren Publikum bei.

Gunter Hampel, ein deutscher Free-Jazzer mit eigenem Label, hat lange in den USA gelebt und kennt die Musikindustrie auf beiden Seiten des Atlantiks. Er bestätigt das schleichende Verschwinden: "Wir Kreativen werden nicht mehr bemerkt. Die Nischen finden nicht mehr statt. Alles wird gleichförmig, verkommt zu einem Einheitsbrei." Daran sei auch die digitalisierte Musikindustrie schuld. Es fehlt ein mündiges Publikum, das in der Lage ist, Musik außerhalb festgelegter Hörgewohnheiten zu konsumieren.

Die "Digital Concert Hall" könnte zum Vorbild werden

In Deutschland gibt es aber auch Bestrebungen, Jazz und Klassik aus ihrem Schattendasein in den Online-Datenbanken zu befreien. Auf dem deutschen Markt spricht der norwegische Streaming-Anbieter WiMP mit einem Dienst in CD-Qualität Klassik- und Jazz-Hörer an. Laut Bettina Engelmann, Redaktionsleitern des Berliner Büros von WiMP, ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz. Um das Problem mit komplexen und uneinheitlichen Metadaten zu lösen, hat Naxos, der weltweit größte Anbieter für klassische Musik im Netz, einen "Styleguide" entwickelt. Eine Liste mit Vorgaben und Schreibweisen, auf deren Grundlage eine eigene Redaktion die Datenbank pflegt. So werden alle an einem Musikstück beteiligten Künstler erfasst - vom Triangelspieler bis zum Komponisten.

Das amerikanische Onlinemagazin Salon empfiehlt den bedrohten Künstlern den Schritt in die größtmögliche Unabhängigkeit. Alternativen zu den bestehenden Streaming-Angeboten und ihren Verträgen sollen aus der Musikindustrie selbst erwachsen. Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zeigt, wie ein solches Modell aussehen könnte. Mit finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Bank bieten die Berliner Philharmoniker Konzertaufnahmen und Live-Streams ihrer Aufführungen im Netz an - als flexible Abonnements. Unabhängigkeit und die Hoheit über die künstlerische Darstellung waren 2008 wichtige Faktoren bei der Gründung des Dienstes.

Die Zukunft der Branche im digitalen Wandel mitbestimmen möchte auch Marco Ostrowski von ACT. Er ist sich sicher: "An der alten Art Musik zu verkaufen und zu konsumieren kann man nicht mehr festhalten." Das Streaming hat die Musikindustrie erschüttert. Mal wieder. Wie mit dem Radio, der Vinylplatte oder dem Aufkommen der CD werden wir auch damit zu leben lernen.