"Dieses schöne Scheißleben" im Kino Starrsinn, stärker als der Tod

In "Dieses schöne Scheißleben" zeichnet sich wie nebenbei das Bild der mexikanischen Gesellschaft ab - Geschlechterrollen nachzuspüren, darin ist Doris Dörrie immer noch besonders gut.

(Foto: Senator Filmverleih)

Kraftvoll, laut und wunderbar: In ihrer Doku porträtiert Doris Dörrie Frauen, die in die Männerdomäne der Mariachi-Musik vorgestoßen sind. Ihre Unbeirrbarkeit fügt sich grandios ein in die mexikanische Kultur der Extreme.

Von Susan Vahabzadeh

Köstlich sieht das kleine Totenbrot aus, obwohl es doch keiner je essen wird. Ein süßes Teilchen, es liegt zwischen den anderen Utensilien, die man in Mexiko für den Día de los Muertos braucht, das Totenfest. Der Altar ist hergerichtet für die Verstorbenen, mit allem, was sie mochten, und bunten Schädeln zur Dekoration.

Dem frohgemut morbiden Treiben liegt ein vorchristlicher Glauben zugrunde, den die spanischen Missionare den Ureinwohnern Mexikos nicht haben austreiben können - der Tod ist Teil des Lebens, und die Tür zum Jenseits ist für sie nicht verschlossen. Die Toten kommen wieder, einmal im Jahr, um zu feiern; und man braucht sie nicht zu fürchten, denn man hat sie ja, als sie noch lebten, geliebt.

Mariachi-Musik und bemalte Totenschädel, das passt irgendwie zusammen. Um das Totenfest herum erzählen die Mariachi in Doris Dörries Film "Dieses schöne Scheißleben" von ihrem Alltag, und davon, wie sie zu ihrem Job gekommen sind.

Das ist eine besondere Geschichte, denn sie sind Mariachas - Musikerinnen, was in der Tradition nicht direkt vorgesehen ist. Hier erzählt eine ganze Dynastie, in der eben eines Tages auch die Töchter begannen, draußen für Geld zu singen und Geige zu spielen - unbeirrbar.

Seit den Fünfzigerjahren tragen auch weibliche Mariachi-Profis die Lieder über Tod und Armut und unglückliche Liebe auf der Plaza Garibaldi vor, und bis heute werden die Frauen manchmal angefeindet dafür, dass sie in diese Männerdomäne vorgedrungen sind - von Männern und Frauen gleichermaßen.

Traditionen, die Gegensätze und Extreme vereinen

Mit Gleichmut erzählt eine der Frauen vor Dörries Kamera, wie sie für ihre Auftritte von manchen Leute nicht gemocht wird, von anderen dafür aber schon, achselzuckend: So ist das Leben.

Wenn die mexikanische Macho-Kultur also versucht, die Frauen aus diesem Gewerbe fernzuhalten, ist das besonders bizarr. Denn sie halten es mit am Leben- alte Traditionen können in Mexiko, wie fast überall sonst, ein bisschen Artenschutz gut gebrauchen.

Im Trotz steckt eine Haltung zum Leben

Seit den Fünfzigerjahren treten in Mexiko auch Frauen als Mariachi auf - in der üblichen Kostümierung.

(Foto: Mathias Bothor/Senator)

Die Musiker auf der Plaza Garibaldi sind auf zahlende Kundschaft angewiesen, die Touristenzahlen aber stagnieren seit ein paar Jahren. Mexikos Image in der Welt ist nicht gerade besonders einladend. Es zeichnet sich dann wie nebenbei das Bild einer Gesellschaft ab - Geschlechterrollen nachzuspüren, darin ist Doris Dörrie immer noch besonders gut.

Die Frauen in "Dieses schöne Scheißleben" wirken, als würde keine Gefahr auf den Straßen von Mexico City ihnen Angst einjagen. Maria del Carmen ist die eindrucksvollste von ihnen. Ihr folgt Dörrie durch die Stadt, in ihre Wohnung, zur Vorbereitung der Auftritte - weil Marias Gesicht eigentlich schon sehr viel darüber erzählt, warum sie das macht.

Es liegt Trotz in ihren Augen, fast ein bisschen Arroganz, als würde sie die öffentliche Singerei ganz besonders deswegen betreiben, weil sie die Kontroverse liebt.

Man sieht sie anfangs, wie sie sich schön macht für ihren Auftritt, sich anmalt wie eine Frau, sich die Cowboystiefel anzieht und den Sombrero aufsetzt, das gehört zur Mariachi-Uniform, wie ein Mann - sie sieht mit ihrem streng zurückgekämmten Haar ein bisschen aus wie ein Torero. Verzeihung: wie eine Torera. Dörries Film ist mitreißend und genau - und irgendwie einfach schön.

Das Totenfest und die Mariachi-Frauen, das passt auch deswegen so gut zusammen, weil in der Unbeirrbarkeit, in dem Trotz, den dieser Job fordert, schon eine Haltung zum Leben drinsteckt, die sich ganz wunderbar einfügt in die mexikanische Kultur der Gegensätze und Extreme: schwarz-weiße Skelett-Verkleidungen und knallbunte Dekorationen, Tod und Leben, Enthusiasmus und Verachtung, Liebe und Hass, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

So sind dann auch Marias Lieder - von einem Starrsinn, der sogar den Tod kleinkriegt: Das Leben bringt mich um - ich bin das Strahlen am Himmel, und du bist schuld, dass er sich verdunkelt. Auch die Zeile vom "schönen Scheißleben" stammt aus einem der Lieder. Auf die Musik, diesen fröhlichen Lärm und die gewaltigen Stimmen, die sich gegen ihn durchsetzen, muss man sich einlassen - es wird ziemlich viel gesungen in diesem Film.

Nicht einfach nur christlich und spanisch

Das Mexiko, das Doris Dörrie da vor unseren Augen erstehen lässt, ist voller Lebensfreude, mit einer sehr eigenen Kultur, die eben nicht einfach christlich und spanisch ist. Das andere Bild des Landes, das wir uns aus gutem Grund machen, spart sie dabei vollkommen aus - all die Meldungen über Drogenkriege und Polizeigewalt und Massengräber.

Aber irgendwie denkt sie selbst die dunkle Seite dieses Sehnsuchtsorts ja mit, wenn sie den Touristenattraktionen, den kostümierten Frauen auf der Plaza Garibaldi, dem Totenfest-Trubel in den Straßen auf den Grund geht. Es ist dieselbe Welt, der diese Frauen ihren Trotz entgegensetzen, derselbe Machismo, dasselbe Elend. Als müsste man Mexikaner sein, um voller Inbrunst darüber zu singen, dass man das Leben liebt, trotz allem.

Que Caramba Es La Vida / Dieses schöne Scheißleben, D 2014 - Regie und Buch: Doris Dörrie. Kamera: Daniel Schönauer, Doris Dörrie. Mit: Maria del Carmen. Verleih: Senator, 90 Minuten.