Die CDs der Woche - Popkolumne Wider den Bubblegum-Pop

Mit seiner Harrington-Jacke sieht er nicht nur so aus wie ein Popstar aus den Sechzigerjahren, er klingt auch so: Jake Bugg, der so jung ist wie Justin Bieber, aber Fans haben dürfte, die seine Väter sein könnten. Für junge Hörer haben wir "Deeply schooled Hip-Hop" und eklektischen Indie-Pop gefunden - zum Lesen und Hören in unserer Popkolumne.

Von Jens-Christian Rabe

Jake Bugg

Die ersten Wochen des Jahres sind ein beliebter Zeitpunkt für die Debüt-Alben von neuen Popkünstlern, von denen sich die großen Plattenfirmen viel versprechen, weil ihre ersten Songs in den Monaten zuvor schon für großes Aufsehen sorgten. Im vergangenen Jahr etwa veröffentlichte Lana Del Rey ihre erste Platte "Born To Die" im Januar, in diesem Jahr gibt es den gerade 18-jährigen Sänger und Songwriter Jake Bugg aus Nottingham. Und wie Lana Del Rey ist er ein echtes Retropop-Phänomen.

Das Albumcover des Sängers und Songwriters Jake Bugg.

Jake Bugg sieht mit seinem Pilzkopf und der Harrington-Jacke auf dem Sepia-Cover des unbetitelten Albums (Mercury/Universal) nämlich nicht nur so aus wie ein junger Popstar aus den mittleren Sechzigerjahren, er klingt auch so. Also: genau so. Auf den ersten, wirklich mitreißenden Stücken der Platte wie "Lightning Bolt" oder "Taste It" etwas ruppiger, rotziger, rumpeliger, britischer. Später dann, bei ruhigeren Songs wie "Simple As This" oder dem "Country Song" denkt man eher an den amerikanischen Folk und - ja, das ist unvermeidlich - an Bob Dylan. Aber das ist aller Ehren wert, denn er macht das wirklich gut.

Man hört deutlich, dass sich ein talentierter Gitarrist und Sänger die alte Musik, die er offenbar liebt, ganz genau angehört hat. Und wie dem frühen Dylan gelingt ihm das Kunststück, viel älter zu klingen, als er tatsächlich ist, nämlich - das vergaß kaum ein Bericht zu erwähnen - fast auf den Tag genau so alt wie Justin Bieber, das männliche Bubblegum-Pop-Idol der Gegenwart. Auf seinen Konzerten, so hört man, könnte der durchschnittliche männliche Besucher sein Vater sein. Mindestens.

Aber vorwerfen mag man das weder ihm noch seinen Fans. Es ist ja hier genau so, wie es Michael Althen in seinem Nachruf auf die große amerikanische Filmkritikerin Pauline Kael schrieb. Er wünschte ihr, dass sie im Himmel alle ihre Lieblingsfilme noch einmal wie beim ersten Mal ansehen könne. Künstler wie Jake Bugg bieten für die Popmusik eine Erfahrung, die dem so nahe kommen dürfte, wie das auf Erden eben möglich ist: Sie sind die Chance, jemandem dabei zuzusehen, wie er die alte Lieblingsmusik wie zum ersten Mal erlebt.

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