Deutsche Sprache Wort des Jahres: Warum "Flüchtlinge" abschätzig ist

"Flüchtlinge" ist Wort des Jahres. Das ist naheliegend, weil der Begriff in aller Munde ist. Aber das sollte sich ändern.

Analyse von Kathleen Hildebrand

"GroKo", "Rettungsroutine", "Stresstest", "Wutbürger". In den vergangenen Jahren wurden Wörter zum Wort des Jahres gewählt, die nicht im Duden stehen. Wörter mit einer inneren Spannung, mit Originalität. Und mit einem Hauch von paradoxem Witz.

2015 ist das anders. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat "Flüchtlinge" zum Wort des Jahres gewählt. Ein Wort, das nicht neu gebildet wurde, ein ganz normales Wort. Aber eines, das im nun fast vergangenen Jahr wohl so oft gefallen ist wie sonst keines. Im Guten wie im Schlechten, verwendet von Politikern, von Aktivisten, Kommentatoren. Von Menschen im Büro und beim Abendessen. Auf den Demonstrationen von Pegida und auf denen gegen Pegida.

Man hätte in diesem Jahr 2015 kein anderes Wort wählen können, hätte man nicht mutwillig das Thema des Jahres ignorieren wollen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wertet nicht. Sie wählt die Wörter, "die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben".

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Und doch ist "Flüchtlinge" ein Wort, das zu verwenden nicht selbstverständlich sein sollte. Wie die Gesellschaft für deutsche Sprache selbst in ihrer Begründung für die Wahl schreibt, klingt Flüchtling für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig. Das liegt am Ableitungssuffix -ling. Es wird an Wörter angehängt, um eine Person zu benennen, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist.

Es ist aber niemand nur Flüchtling. Die Menschen, die vor Krieg und Verfolgung nach Europa flüchten, sind mehr: Mütter oder Väter, Ingenieure oder Köche, sie haben Bücher gelesen, Filme gesehen. Sie haben im vollen Sinne gelebt und werden es weiterhin tun. Die Flucht ist nur eine Episode in ihrem Leben.

Doch es ist nicht nur das. Wörter wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling sind negativ konnotiert, andere wie Prüfling, Lehrling oder Schützling haben eine deutlich passive Komponente. Wegen dieser Kritik ist in letzter Zeit öfter von Geflüchteten die Rede, eine Wendung, die mehr Raum für all das andere lässt, was jeder Mensch ist - jenseits dessen, was er gerade tut oder tun musste. Auch wenn diese - treffendere, sensiblere - Bezeichnung sich nicht durchsetzen sollte: Die Wahl von "Flüchtlinge" zum Wort des Jahres kann nicht nur als nächstliegende hingenommen werden. Es ist ein Wort, das nicht selbstverständlich ist.

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