Depot mit Nazi-Raubkunst in München Der Verwerter und sein Sohn

Max Beckmanns "Löwenbändiger" lieferte Cornelius Gurlitt im Herbst 2011 an das Auktionshaus Lempertz. Es lässt darauf schließen, dass Gurlitt noch über weitere Depots verfügt.

(Foto: Screenshot)

Zwischen Saftkartons und Konservendosen haben Fahnder in einer Schwabinger Wohnung eine riesige Sammlung an Nazi-Raubkunst entdeckt. Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der mit der Raubkunst Geschäfte gemacht hatte, erklärte stets, seine Sammlung sei verbrannt. Nun flog sein Sohn auf, nachdem er eines der Stücke verkauft hatte. Womöglich gibt es noch weitere Depots.

Von Ira Mazzoni

Als hätte man es nicht geahnt: Die Bilder sind nicht zerstört, verbrannt oder verschollen, sondern sie existierten mitten unter uns. Und zwar viel mehr als man je vermutete. 1500 Werke "entarteter" Kunst, eine beispiellose Sammlung, ist im Frühjahr 2011 von den Zollbehörden in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt sichergestellt worden. Kunstwerke von Picasso und Matisse, Franz Marc und Paul Klee, Eduard Munch und Max Beckmann. Werke, die Gurlitt nur von seinem Vater Hildebrand Gurlitt übernommen haben kann.

Der Dresdner Kunsthändler gehörte nicht nur zu den offiziellen "Verwertern", die mit den 1937 in allen deutschen Museen sichergestellten Werken "entarteter Kunst" handeln durften. Er hatte auch direkten Zugang zu den Berliner Speichern und Depots, in denen die Nazis etwa 20.000 konfiszierte moderne Werke lagerten.

Hildebrand Gurlitt war auch glänzend im Geschäft, als es darum ging im besetzten Frankreich Objekte für das Linzer Führer-Museum zu erwerben und dazu allerhand Tauschware für deutsche Museen, die an Linz alte Meister abgeben sollten. Vieles davon war ursprünglich Eigentum jüdischer Sammler. Gurlitt hatte einen direkten Draht zu Hermann Voss, Direktor der Dresdner Gemälde-Galerie und Sonderbeauftragter für Linz. Devisen für den Auslandshandel zu erhalten war für ihn nie ein Problem gewesen.

Verschwundene Kunst

Wegen der Brisanz des Münchner Fundes hielt der Zoll und die Steuerfahndung, hielten auch die zuständigen Ministerien dicht. Am Sonntag wollten sowohl der Zoll als auch die zuständige Augsburger Staatsanwaltschaft den Bericht weder bestätigen noch dementieren. Allein die wissenschaftliche Recherche nach den Vorbesitzern der Bilder wurde in Auftrag gegeben. Meike Hoffmann, Projektkoordinatorin der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin, versucht seit mehr als einem Jahr, die genaue Herkunft der 1500 Bilder zu klären. Ein Riesenpuzzle, das, wenn es denn gelöst wird, den deutschen Museen unverhofft Werke der Moderne zurückbringen könnte. Die Sammlungsgeschichte der Häuser könnte in einem neuen Licht erscheinen. Allein die Konfiszierung "entarteter Kunst" war durch ein Reichsgesetz gedeckt. Die Verkäufe des Reichs gelten als rechtmäßig. Auch Hoffmann wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Immerhin dürften nun etliche Suchanfragen in der Lost-Art-Datenbank der Koordinierungsstelle Magdeburg geklärt werden. Die Erben jüdischer Sammler, die von den Nazis erpresst oder enteignet worden waren, könnten überraschend längst verloren Geglaubtes zurückerhalten. Aber erst müssen die Eigentümer und die Erbberechtigten zweifelsfrei ermittelt werden, bevor restituiert werden kann.

Altmeister und Biedermeierliches

Sicher scheint nach den Recherchen des Focus, dass ein in der verrammelten Schwabinger Wohnung zwischen Saftkartons und Konservendosen gefundenes Frauenbildnis von Henri Matisse dem Kunsthändler Paul Rosenberg gehörte, der es zusammen mit 160 weiteren Werken der französischen Avantgarde in einem Pariser Safe deponiert hatte, bevor er vor den Nazi-Truppen floh. Auch Stücke aus Dresdener Privatsammlungen scheinen sich in dem Haufen beschlagnahmter Bilder zu finden. Er enthält indes nicht nur Werke der Moderne, sondern auch Altmeister wie ein Dürer-Bildnis und Biedermeierliches von Spitzweg.

Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war nach dem Krieg von den Alliierten selbst als Nazi-Opfer eingestuft worden. Schließlich hatte er als Verfechter der Moderne und als Enkel einer jüdischen Großmutter seine Museumsposten in Zwickau und Hamburg verloren. Als Kunsthändler machte er aber Geschäfte mit dem Teufel. Nach dem Krieg berichtete der Profiteur, er habe vielen Juden geholfen, ihr Exil zu finanzieren. Sein Kunstlager sei im Dresdner Feuersturm zerstört worden.