Daniel Kehlmann: Lob Enfant flexible

Wie ein naseweiser Gymnasiast, der sich ins leere Lehrerzimmer schleicht und Zensuren verteilt: Daniel Kehlmann bespricht in seinem Buch "Lob" vor allem Autoren, die kein Lob mehr brauchen - zum Beispiel sich selbst.

Von Christopher Schmidt

"Lob - Über Literatur" heißt der gerade erschienene Band, der, neben seiner Göttinger Poetik-Vorlesung, Dankes-, Fest- und Lobreden, auch Gelegenheitskritiken versammelt, die Daniel Kehlmann unter anderem in dieser Zeitung veröffentlicht hat.

"Lob" ist die Fortsetzung des Sammelbandes "Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher". Damals vor fünf Jahren ging es um Voltaire, Stendhal, Hamsun, Tolkien, Céline und Helmut Krausser. Das neue Buch handelt über Truman Capote, Kleist, Stephen King und Roberto Bolaño - eine wilde Mischung, könnte man meinen. Und sich freuen: Endlich einmal nur Gutes aus den Schreibstuben der professionellen Verdrossenheit, endlich Freudenfeuer und flammende Bekenntnisse! Doch so ungeteilt, wie der Titel verspricht, ist das Lob dann gar nicht.

Ein Gnadenakt

Zum Panegyriker taugt Kehlmann nur bei solchen, die seines Lobes gar nicht mehr bedürfen, weil sie ohnehin Klassiker sind. Je weiter es in der Literaturgeschichte zurückgeht, desto feierlicher schreitet auch Kehlmann. Bei Shakespeare und Kleist schließlich ist der Marmor so glatt poliert, dass seine Huldigungen daherkommen wie in Museumspantoffeln. Allzu oft rutscht die Rede in den abendländischen Plural, das Wirgefühl des literarischen Weltgeistes gibt den Ton an.

Schon in der klassischen Moderne ist dagegen Tadel nicht mehr tabu. Samuel Becketts Roman "Murphy" dünkt Kehlmann "stilistisch überambitioniert, ja beinahe prätentiös", und das "Tagebuch eines schlimmen Jahres" lässt er dem Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee gerade noch mal durchgehen. Kehlmann genießt es, den Daumen lange unentschieden in der Luft zucken zu lassen und immer wieder in die mit den großen Geistern der Vergangenheit besetzte Arena hineinzuhorchen, bevor er einem Todgeweihten das Leben schenkt. Jedes Geltenlassen ein Gnadenakt.

Im Falle von Thomas Bernhard hat Kehlmann den vermeintlichen Apokalyptiker als "kühlen Lobbyisten" und Strippenzieher entlarvt, der die Literatur für schnöde Eigeninteressen missbrauchte. Im letzten Moment aber streckt er dann aber doch noch die Hand aus, in die er den vom Sockel Gestürzten weich plumpsen lässt und attestiert ihm "Kunst". Uff, gerade noch mal gut gegangen.

Bloß keinen postmodernen Schabernack

Daniel Kehlmann gefällt sich in der Hoffart, seine Waffen nur aufblitzen zu lassen, als lohnte es sich nicht, sie zu benutzen. Es liegt wohl auch an seinem gedrechselten, oft salbungsvollen Stil ("daß das Schreiben zu den wichtigsten Unterfangen gehört, denen sich ein Mensch in seinem kurzen Leben hingeben kann, daß in dieser gefallenen Welt kaum etwas so viel Hingabe verdient, wie die Literatur"), dass Kehlmann einem mitunter vorkommt wie ein naseweiser Gymnasiast, der sich ins leere Lehrerzimmer schleicht und Zensuren verteilt, nach dem Prinzip: Und du bist auch überschätzt! Setzen!

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Kehlmann alles kritisiert, was sich fortschrittlich wähnt.

Preisung der grotesken Dame

mehr...