Comics als Vorläufer der Bürgerrechtsbewegung Vom Outing bis zu Occupy

Der US-amerikanische Comicautor Howard Cruse übersetzt Bürgerprotest in Bilder. Und das nicht erst, seit die Besetzung der Wall Street ein Ziel ist, sondern schon seit Jahrzehnten. Cruse ist Kämpfer und Kultfigur - im Gespräch mit sueddeutsche.de erläutert er seine Sicht auf den Protest unserer Tage.

Interview: Daniel Wüllner

sueddeutsche.de: Herr Cruse, in den achtziger Jahren kannte man Sie als Herausgeber des Gay Comix-Magazins und durch ihre regelmäßig erscheinenden Schwulencomics Barefootz und Wendel. Was hat Sie dazu bewegt, Anfang der neunziger Jahre mit Stuck Rubber Baby zu beginnen? Damals waren Graphic Novels noch nicht en vogue.

Howard Cruse: Seit den siebziger Jahren spielten viele ernsthaft mit der Idee eines langen und künstlerisch anspruchsvollen Comics. 1978 preschte Will Eisner mit Ein Vertrag mit Gott vor, doch erst nach Art Spiegelmans Maus begannen sich die Schleusentore zu öffnen. Damals war es für mich finanziell unmöglich, eine komplette Graphic Novel zu zeichnen und nebenher meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Möglichkeit bot sich, als sich DC Comics für meine Arbeit interessierte. Meine Hauptidee drehte sich damals um Toland und seine Erfahrung, als schwuler Vater ein Kind aufzuziehen. Obwohl das Thema in der homosexuellen Literatur kaum behandelt wurde, war das Thema zu etwas dünn für ein ganzes Buch.

sueddeutsche.de: Wie kamen Sie dann auf die Idee, die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre darzustellen?

Cruse: Die Auswirkungen der Rassenkonflikte in meiner Heimatstadt Birmingham, Alabama, so nah mitzuerleben, hat mich sehr geprägt. Plötzlich sah ich die Möglichkeit, all diese Themen miteinander zu verflechten: Selbstrespekt, Selbsthass, Teil einer Minderheit zu sein und sich selbst erkennen zu lernen. Mir gefiel vor allem die Idee die Geschichte vor den Stonewall Riots (Die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Homosexuellen und Polizei nach der Razzia im New Yorker Stonewall Inn am 28. Juni 1969 werden als Beginn der amerikanischen Schwulenbewegung gesehen.; Anm. d. Red.) spielen zu lassen, weil kaum jemand über die damalige schwule Subkultur im konservativen Bible Belt Bescheid wusste. Es gab dort homosexuelle Gemeinschaften, obwohl die Vorstöße der Gay Liberation Movement in diesem Teil Amerikas noch nicht begonnen hatten.

sueddeutsche.de: Vor diesem Hintergrund haben Sie die Themen kombiniert?

Cruse: Ich wollte keine Bürgerrechtssaga wie Mississippi Burning schreiben. Für mich stand die Bewusstwerdung eines Individuums im Zentrum. Ich kann nicht sagen, was es bedeutet, Afroamerikaner zu sein und ich war niemals eine führende Figur in irgendeiner Protestbewegung. Durch die Erfahrungen in der Schwulenbewegung fühlte ich mich mehr dazu berufen, die Fußsoldaten zu porträtieren statt der Führungspersönlichkeiten. Vornehmlich geht es in Stuck Rubber Baby um Tolands Perspektive und wie er sein inselartiges Leben hinter sich lässt.

sueddeutsche.de: Dabei ist der Titel Stuck Rubber Baby irgendwie steckengeblieben?

Cruse: Der Titel kam ganz aus dem Blauen heraus. Zunächst hat man das Wort "stuck", da es ein festgewordenes Kondom (rubber) in der Geschichte gibt. Gleichzeitig steckt Toland in seinem Infantilismus fest. Und natürlich gibt es da noch ein echtes Baby in der Geschichte. Mir gefiel der Titel, da nicht so groß und episch wie Mississippi Burning klingt. Als der Comic in Deutschland erschien, meinte der Herausgeber Andreas Knigge, dass es unmöglich sei, den Titel ins Deutsche zu übersetzen und dabei alle Konnotation beizubehalten. Er versprach mir, dass der neue Titel nicht zu kitschig klingen würde.

sueddeutsche.de: Der Comic wurde als Am Rande des Himmels veröffentlicht, was sich nur ein bisschen kitschig anhört. Als ich Stuck Rubber Baby gelesen habe, hat es mich an einen großen Roman der amerikanischen Literatur erinnert, Onkel Toms Hütte. Verwenden Sie bewusst eine persönliche Perspektive, die dem Leser die Zerstörung der Familie und die Einschränkung der persönlichen Freiheit vor Augen führt?

Cruse: Die literarische Technik, mit der ich am besten vertraut bin, ist, glaubhafte Figuren zu kreieren. Ich wollte den heterosexuellen Leser dazu einzuladen, die Welt durch schwule Augen zu sehen, um das Gefühl vor dem Coming-out zu evozieren. Der Leser sollte so früh wie möglich erfahren, dass Toland schwul ist, weil dann die Dynamik des Heterosexuellspielens von Anfang an deutlich wird. Während ich den Comic gezeichnet habe, fragte mich mein Mann Eddie vor jedem neuen Kapitel: "Wie wird sich Toland diesmal wieder zum Affen machen?" Letztendlich wird Toland durch seine Freunde und Bekannten dazu bewegt, ein besserer Mensch zu sein. In der Szene im Russell Park nimmt er nur am Sitzstreik teil, da seine Freunde ihn dazu drängen. Wären sie nicht gewesen, hätte er nur dagestanden und zugesehen, so wie viele Weiße damals. Die Struktur des Buches spiegelt diesen Prozess wider: Das Erleben von Gewalt beginnt an der Peripherie von Tolands Leben und kommt dann näher und näher, bis er ihr schließlich nicht mehr entkommen kann. Mir haben die Ereignisse damals schmerzhaft die Augen geöffnet.

sueddeutsche.de: Sie bilden diese Ära akribisch ab. Warum tauschen Sie Martin Luther King Jr. gegen Pfarrer Pepper aus und ersetzen Ihre Heimatstadt Birmingham mit Clayfield?

Cruse: Ich musste mir selbst klarmachen, dass ich Fiktion produziere, andernfalls wäre ich nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse frei zu arrangieren. Damit sich meine fiktionale Geschichte echt anfühlt, musste ich mich in die sechziger Jahre zurückversetzen. Um diese Erinnerungen aufzufrischen, habe ich viel historisches Material gesichtet, mich mit Zeitzeugen unterhalten, aber auch alte Magazine und Zeitungen gelesen, die meine Mutter in unserem Keller aufgehoben hat. Während ich gezeichnet habe, hörte ich mir alte Folksongs, Joan Baez und die Weavers an, um diese depressiven und klaustrophobischen Tage zurückzuholen. Manche Zeitzeugen waren weiße Bürgerrechtler und ein paar afroamerikanische Aktivisten erreichte ich durch Zeitungsanzeigen. Ich interessierte mich speziell für die Beziehung zwischen der schwulen und der afroamerikanischen Subkultur. Meiner Vermutung nach würde die Homophobie bei Afroamerikanern eher hoch sein, da sich die Bewegung vornehmlich aus der Kirche speiste. Eine Quelle verriet mir, dass es sich aber mehr um eine "Nichts fragen, nichts sagen"-Politik handelte. Es gab offensichtlich schwule Pärchen in der Kirche, doch über ihr Schwulsein wurde einfach nicht geredet.

sueddeutsche.de: Wie ist es Ihnen gelungen, diese privaten Geschichten mit der Historie zu verbinden?

Cruse: Die realen Ereignisse, wie zum Beispiel den Marsch auf Washington 1963 ("I have a Dream"), zwangen mich dazu, die Struktur des Buches nach ihnen auszurichten. Da Toland im fiktionalen Clayfield lebte, konnte ich die echten Bombenanschläge 1963 in Birmingham in der Baptisten-Kirche an der 16. Straße nicht verwenden, doch dienten sie als Blaupause für den Anschlag auf das Melody Motel in meiner Geschichte. Ich wurde damals von Freunden zu der Beerdigung der vier kleinen Mädchen eingeladen, die beim echten Bombenanschlag ums Leben kamen. Deshalb ist meine eigene Erfahrung dieses Ereignisses direkt in meine fiktionale Darstellung eingeflossen. Das schließt Tolands Gefühl ein, sich nicht das Recht erworben zu haben, We shall overcome mitsingen zu dürfen.

sueddeutsche.de: Wie wichtig war Stuck Rubber Baby für die Protestbewegung?

Cruse: Es wäre anmaßend zu behaupten, dass meine Comics großen Einfluss hatten: Aber mir haben viele junge Leute erzählt, dass ihnen Wendel den Mut gegeben hat, sich zu outen. Stuck Rubber Baby sehe ich mehr als meinen Protest gegen Zynismus und gegen die Herabwürdigung von Opferbereitschaft. Seit der Wahl von Ronald Reagan feierte der Egoismus eine Renaissance und das hat mich aufgeregt. In den sechziger Jahren gab es Leute, die nicht zynisch waren und deren Motive über ihr eigenes Wohlbefinden hinausgingen. Dem Mut dieser Menschen wollte ich Tribut zollen. Der Comic sollte auch deutlich machen, wie Rassismus, Homophobie und Vorurteile funktionieren. Alle farbigen Bürgerrechtler als gute Menschen und alle weißen Südstaatler als homophobe Rassisten darzustellen, wäre eine zu starke Vereinfachung. Weiße Sympathisanten fühlten sich von dem Widerstand gegen die Integration entfremdet und waren bereit, ihr Leben zu riskieren, als sie vom Ku-Klux-Klan ins Visier genommen wurden. Nicht alle Afroamerikaner waren Heilige.

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sueddeutsche.de: Haben Sie den Eindruck, dass die bewusste Teilnahme an Protestbewegungen heutzutage fehlt?

Cruse: Protestbewegungen kommen und gehen. Da die Schwulenbewegung mir sehr am Herzen liegt, war ich immer enttäuscht, wenn sie stillere Phasen durchlief, wenn Jugendliche sich nicht für diese Belange interessierten. Ende der siebziger Jahre sah es so aus, als würde sich Schwulsein nur um Sex und Disco drehen. Doch als in den achtziger Jahren die Aids-Epidemie ausbrach, sah man sich mit existentiellen Problemen konfrontiert, wie zuvor zu Zeiten des Vietnamkrieges. Diese Ereignisse lassen den Aktivismus wieder aufleben. Gerade jetzt breitet sich die "Occupy Wall Street"-Bewegung in Amerika und Europa aus.

sueddeutsche.de: Wird diese Bewegung die Gesellschaft nachhaltig verändern?

Cruse: Das zu beurteilen, ist nach ein paar Wochen noch viel zu früh. Aber die Tatsache, dass so viele Menschen leiden, erzeugt die nötige Motivation, um sich zusammenzuschließen und gegen die unglaubliche Konzentration von Reichtum zu demonstrieren. Ich lebe in einer ländlichen Region von Massachusetts, deshalb bekomme ich meine Informationen nur aus Medienberichten. Würde ich jetzt noch in New York leben, würde ich sicherlich Zeit mit den Protestlern verbringen, auch wenn ich zu alt fürs wochenlange Campen bin. Meiner Meinung nach hat die "Occupy Wall Street"- Bewegung das Potential, Großes zu bewegen, aber man weiß ja nie, was passieren wird.

sueddeutsche.de: Haben Sie den Eindruck, dass Protestbewegungen wie "Occupy Wall Street" und der heutige Christopher Street Day zu einer Ausrede zum Feiern werden?

Cruse: Ich glaube nicht, dass es sich in diesen ersten Tagen von "Occupy Wall Street" um einen Hype handelt. Die Nöte der Menschen sind zu real, zu unmittelbar. Wenn wir vielleicht in vierzig Jahren eine jährliche "Occupy Wall Street"-Parade sehen, werden sicherlich ein paar dabei sein, die große Partys mögen. Ich hoffe jedenfalls, dass die Proteste wachsen, da die Situation in den vergangenen Jahren einfach unausstehlich geworden ist. Es widerspricht meiner Vorstellung von einem humanen Umgang der Gesellschaft mit ihren Bürgern. Deshalb bin ich für die "Occupy Wall Street"-Bewegung.

sueddeutsche.de: In Nordafrika rebellieren arbeitslose, verärgerte Jugendliche gegen ihre Regierungen. Diese Revolutionen haben nichts mehr mit dem Ideal vom passiven Widerstand zu tun, den Pfarrer Pepper im Comic predigt. Wie sieht Ihre Meinung zum "Arabischen Frühling" aus?

Cruse: Jedes Mal, wenn ein Volk gegen eine Diktatur aufbegehrt, ist das angsteinflößend, weil die Kräfte oftmals in schrecklicher Weise reagieren, wie es gerade in Syrien der Fall ist. Dennoch stimmt die Tatsache, dass die Bevölkerung ihre aufgestaute Frustration endlich ausdrücken kann, hoffnungsvoll. Zunächst sah es in Ägypten nach einer Erfolgsgeschichte aus, doch dort ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Viele Araber wirkten durch ihren passiven Widerstand inspirierend. Doch wie lange kann Pfarrer Peppers Traum bestehen, wenn die Gegner so unnachgiebig und tödlich darauf antworten? Selbst der Pfarrer muss eingestehen, dass es sich der Polizeihund zweimal überlegen wird, einen Afroamerikaner zu beißen, nachdem er von einem Ziegelstein getroffen wurde. Obwohl wir es in Amerika nicht mit einer Diktatur zu tun haben, so gibt es doch Parallelen zwischen dem "Arabischen Frühling" und der "Occupy Wall Street"-Bewegung: Der Widerstand zielt nicht auf eine spezielle Politik ab, sondern geht gegen eine Machtstruktur, die von Reichen und Unternehmen aufrechterhalten wird, nur, um mehr Geld zu verdienen. Mit sozialer Gerechtigkeit hat das nichts mehr zu tun. Diese Strukturen haben Mittel und Wege, die öffentliche Debatte zu steuern und Meinungen zu beeinflussen ohne die Menschen gleich niederzuschießen. Nehmen wir zum Beispiel die Tea Party: Während ihre Anhänger als Kämpfer gegen die höheren Mächte dargestellt werden, dienen sie eigentlich nur den Interessen der Reichen.

sueddeutsche.de: Würden Sie die Tea Party als Protestbewegung bezeichnen, die zur politischen Partei gewachsen ist?