"Citizenfour" in der ARD Snowden wird wissen, was er tut

"Citizen Four" war Edward Snowdens Deckname, als er Kontakt mit Laura Poitras aufnahm.

(Foto: dpa)

In ihrer Dokumentation "Citizenfour" zeigt Laura Poitras, wie Edward Snowden den Glauben an ein freies Internet für immer zerstörte.

Von Martina Knoben

S-N-O-W-D-E-N. Der Geheimdienst-Reporter des Guardian, Ewen MacAskill, lässt sich den Namen buchstabieren. Zu viert sitzen sie in einem Hotelzimmer in Hongkong: der blasse, junge IT-Spezialist, dessen Name noch buchstabiert werden muss, der investigative Journalist und Rechtsanwalt Glenn Greenwald, der ebenfalls für den Guardian arbeitet, MacAskill und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Sie war es, die Snowden im Januar 2013 unter dem Decknamen "citizen four" zuerst kontaktiert hatte. Zusammen bereiten sie die Enthüllungen vor, die uns den Glauben an ein freies und freiheitsstiftendes Internet für immer nehmen werden.

Diese acht Tage, die sie zusammen im Hotel verbringen, stehen im Zentrum des Dokumentarfilms, den Laura Poitras über Snowden und seinen Geheimnisverrat gedreht hat. Was der junge Systemadministrator, der als externer Mitarbeiter für die NSA arbeitete, der Welt über die Abhörpraktiken der USA und ihrer Verbündeten mitzuteilen hatte, ist inzwischen bekannt. Zuzusehen, wie diese Enthüllungen in die Welt finden, wie Snowden technische Voraussetzungen und Abhörpraktiken ausführlich erklären muss, bis ein tief greifendes Misstrauen, ja Paranoia bei den Journalisten und Zuschauern einsetzt - das ist aber dann doch hochspannend: Wann kann man schon dabei zusehen, wie Geschichte geschrieben wird? Dass Poitras keine unbeteiligte Protokollantin ist, sondern Snowdens Verbündete, allein dadurch, dass sie diesen Film drehte und das Treffen in Hongkong organisierte, mindert dessen Wert nicht, im Gegenteil.

Dokumentarfilm von Laura Poitras Snowden reloaded

Der Film "Citizenfour" wird bei seiner Premiere in New York umjubelt. Das Spannendste daran ist die Behauptung, dass es außer Snowden noch einen zweiten Whistleblower in der NSA geben könnte. Filmkritik

Sie habe sich selbst als Sprachrohr ausgesucht

Snowden hatte Poitras im Januar 2013 verschlüsselte E-Mails geschickt, man sieht die Texte zu Beginn. Darin erklärt er, warum er sie als Sprachrohr gewählt habe: Sie habe sich selbst ausgesucht, schreibt er, sie habe sich dadurch qualifiziert, dass sie von den amerikanischen Sicherheitsbehörden überwacht werde wegen ihrer Filme, die sich kritisch mit Amerika nach dem 11. September 2001 befassen. Nach monatelangem Mailaustausch treffen sie sich schließlich in Hongkong.

"I am not the story here", sagt Edward Snowden dort. Die Medien setzten viel zu stark auf Personalisierung, ihm aber gehe es um die Sache. Der Mann, dessen Enthüllungen politische Erdbeben auslösen werden, sieht dabei so unscheinbar aus, dass er sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht: weißes T-Shirt, randlose Brille, Kurzhaarschnitt und Durchschnittsgesicht. Snowden ist nicht der Charismatiker mit zweifelhaftem Charakter wie Wikileaks-Gründer Julian Assange, der im Film ebenfalls auftaucht. Und Poitras entwirft von ihm auch kein klassisches Porträt. Snowden wird beschrieben durch das, was er tut. Er ist also ein uramerikanischer Held. Ein strahlender Jedermann, der vor der Kamera eloquent, aber glaubhaft uneitel erklärt, dass er Verfolgung und Gefängnis riskiere, weil das nicht so schwer wiege wie die Einschränkung seiner geistigen Freiheit.

Rechtschaffener Streber

Man glaubt ihm, dass Idealismus hinter seinem Geheimnisverrat steckt: Snowden erscheint als rechtschaffener Streber, das unterstreichen selbst die privaten Momente, die Poitras erwischt, wenn er etwa mit seiner Freundin E-Mails austauscht. Und weil er wie ein Jedermann wirkt, erscheint es am Ende auch nur plausibel, wenn ein weiterer Whistleblower angekündigt wird.

Den Zuschauer infiziert der Film mit dem unangenehmen Gefühl, dass er womöglich ständig unter Beobachtung steht. Das ist gar nicht unrealistisch angesichts der Abhörrealität, wird gerade in Amerika aber immer noch gern verdrängt. Einmal zieht Snowden im Hotelzimmer das Netzkabel aus dem Telefon, weil bei diesen Apparaten jeder mithören könne, auch wenn der Hörer aufgelegt ist.

"Magisches Tuch" als Schutz vor Kameras

Ein anderes Mal wirft er sich ein "magisches Tuch" über, bevor er Passwörter in seinen Laptop eintippt, als Schutz vor versteckten Kameras. Es sind solche Details, die am meisten erschrecken. Snowden wird - als Ex-NSA-Mann - schon wissen, was er tut. Elemente aus Agententhrillern - konspirative Treffen, verschlüsselte Mitteilungen - erscheinen angemessen. Wobei die ärgste Paranoia auf staatlicher Seite herrscht, seit Snowdens Enthüllungen weiß man das.

Einen richtigen Spannungsbogen hat der Film nicht. Kein Wunder, schließlich gab es kein Drehbuch. Er wirkt eher wie eine Indiziensammlung. So kommt etwa der ehemalige Technische Direktor der NSA, William Binney, zu Wort, auch er mittlerweile ein Whistleblower. Poitras zeigt auch in einem klug gewählten Redeausschnitt einen scheußlich blasierten Präsidenten Obama, der Snowden vorwirft, nicht zuerst seine Vorgesetzten informiert zu haben. Immer wieder blickt die Regisseurin aus der Vogelperspektive auf ihre Schauplätze. Oder sollte man heutzutage besser sagen: aus der Drohnenperspektive?

"Citizenfour" ist Teil des Medien-Scoops, von dem er erzählt. Dass an diesem Scoop zuallererst Zeitungen beteiligt waren und das ebenfalls traditionelle Medium Film, passt zum Anliegen und zieht sich bis zum Ende durch, wenn Poitras endgültig eine Rückkehr zum Analogen nahelegt: Informanten, heißt es dort, trifft man am besten nur noch nachts in finsteren Parkhäusern.

Ursprünglich erschien diese Besprechung beim deutschen Kinostart von "Citizenfour" im November 2014. Aus Anlass der deutschen Free-TV-Premiere veröffentlichen wir sie noch einmal.

"Citizenfour", ARD, 23 Uhr