Chuck Norris zum 70. Doktor Faust

Wessen Tränen könnten Krebs heilen? Kampfsportlegende und Actionheld Chuck Norris schuf sich eine eigene, ironiefreie, patriotische Welt - und wurde zum Objekt der Satire.

Von Andrian Kreye

Es war der perfekte Moment, um Chuck Norris kennenzulernen. Die Mittagssonne stand hoch über der Wüste von New Mexico.

Bei der Hitze waren selbst die Insekten im Buschwerk verstummt, doch kein Schweißtropfen störte den perfekten Strich der Filmschminke über seinen kantigen Gesichtszügen. Er trug ein sandbraunes Lederhemd mit Fransen, einen breitkrempigen Hut und grüßte mit den Worten: "Hello. I'm Chuck Norris." Sein Händedruck war kraftvoll, doch kontrolliert, wie es sich für einen Mann gehört, der sein Leben lang Kampfsport betrieben hat.

Es war somit auch der perfekte Moment, um inflationäre Internetwitze über die humorfreie Superheldenfigur Chuck Norris zu illustrieren: die "Chuck Norris Facts", die Mitte der Nullerjahre zu Tausenden auftauchen sollten. Witze wie: Wenn sich Chuck Norris verspätet, muss der Lauf der Zeit eben verdammt noch mal bremsen. Chuck Norris Tränen können Krebs heilen, leider hat Chuck Norris noch nie geweint. Es gibt keine Evolution, es gibt nur Kreaturen, denen Chuck Norris erlaubt hat, zu leben.

Norris drehte in der Wüste eine Wildwestrückblende für "Walker Texas Ranger", eine der erfolgreichsten Fernsehserien aller Zeiten. Es war damals eher selten, dass er seine Wahlheimatstadt Dallas verließ. Mit dem weltweiten Erfolg der Serie über den Ranger Cordell Walker, der Verbrecher mit Fausthieben und Roundhouse-Kicks zur Strecke bringt, konnte sich Norris erlauben, Hollywood den Rücken zu kehren.

Ähnlich wie Woody Allen und Spike Lee sich ihre kulturellen Biotope in New York geschaffen hatten, operierte Chuck Norris im erzkonservativen Texas in einer Welt, in der er sich zu Hause fühlte. Hier konnte er ungestört seine Legende pflegen, zu der auch die Geschichte von seinem Aufstieg aus der Armut gehört.

Seine Kindheit verbrachte Carlos Ray "Chuck" Norris als ältester von drei Söhnen eines alkoholkranken Lastwagenfahrers in Ohio. Nach der Scheidung seiner Eltern zog die Mutter mit dem 12-jährigen Chuck und seinen Brüdern nach Kalifornien. 1958 wurde er Feldjäger der US Air Force. 1962 gründete er in Los Angeles eine Kampfsportschule, in der er unter anderem Filmstars wie Steve McQueen unterrichtete.

McQueen war es auch, der Norris ermunterte, Schauspielunterricht zu nehmen. Zunächst aber stieg er zum unschlagbaren Karatemeister auf. Sechs Weltmeisterschaftstitel erkämpfte er sich. Seinen erste richtige Filmrolle bekam er 1972 als Kontrahent der Kung-Fu-Legende Bruce Lee in "Die Todeskralle schlägt wieder zu". Der Showdown zwischen Lee und Norris im Kolosseum von Rom gilt bis heute als eine der besten Kampfszenen aller Zeiten.

Humorlose Streifen voller Moral und Nationalstolz

In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde Norris zum Spezialisten für die Sorte Actionfilm, für die Filmkritiker nicht einmal unter Aufwendung allergrößter Ironie ein gutes Wort fanden.

Neben Kampfsportfilmen waren es vor allem patriotische Actionreihen wie die "Delta Force"- und "Missing in Action"-Filme, die ihn zum Helden eines Kinopublikums machten, das den Pathos und den Kitsch ablehnte, der Filme von Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger zu dankbaren Studienobjekten der Popkulturkritik machten. Norris drehte humorlose Streifen voll frömmelnder Moral und selbstgerechtem Nationalstolz.

Im konservativen, religiösen Hinterland der USA galt Norris als Held der schweigenden Mehrheit, weil er dem liberalen, säkularen Hollywood den Rücken gekehrt hatte und sich mit missionarischem Eifer für seinen Glauben und die republikanische Partei engagierte. 1988 beteiligte er sich am Wahlkampf von George H. Bush. Später gehörte er zu den leidenschaftlichsten Fürsprechern von George W. - das erklärt auch den Erfolg der Chuck-Norris-Witze.

Der Actionmythos wurde zum satirischen Symbol für eine Regierung, die mit jedem Fehler, mit jeder Grausamkeit, jedem Schlag gegen das eigene Volk noch an Selbstbewusstsein und Stärke zu gewinnen schien. Ruinierten George W. Bush und seine ideologischen Horden das Land nicht mit einem ähnlichen Gestus, mit dem Chuck Norris Mobiliar und Knochen zertrümmerte? Auch wenn seine Filme keinen Raum für Ironie ließen, die Figur Chuck Norris war das ideale Futter für den digital beschleunigten Galgenhumor der George-W.-Jahre.

Norris selbst wusste mit seinem späten Ruhm im Internet nicht viel anzufangen. "Ich habe Neuigkeiten für euch. Ich bin kein Superman", schrieb er in seiner Kolumne für das ultrarechte Webmagazin Worldmag Daily. In der er auch auf den Witz über die Heilungskräfte seiner Tränen einging: "Es gab einen Mann, dessen Tränen Krebs und alle anderen Krankheiten heilen konnte, inklusive der Ursache aller Krankheiten - die Sünde. Sein Blut konnte das. Sein Name war Jesus, nicht Chuck Norris."

Autor und Aufklärer

Mit 70 Jahren ist er nun endgültig zu alt, um den Actionhelden zu geben. Als Veteran fernöstlicher Kampfsportarten weiß er selbst, dass jeder Kämpfer zum Meister werden muss. "Walker Texas Ranger" hat er schon vor neun Jahren beendet. Filme dreht er auch nicht mehr, versteht sich nun vor allem als Autor und Aufklärer.

Einen Westernroman hat er geschrieben und so genannte "Inspirational Books". Sein jüngster Bestseller trägt den Titel "Black Belt Patriotism - how to reawaken America". Darin bringt Norris sein Weltbild auf den Punkt: "Wohin man blickt, scheint es nur schlechte Nachrichten zu geben. Illegale Einwanderer schwärmen über unsere Grenzen ... die amerikanische Familie wird von Schulden gelähmt. Islamistische Terrorangriffe bedrohen uns. Richter ignorieren die Verfassung und regieren von der Richterbank. ... Chuck Norris packt die härtesten Probleme unseres Landes an und beweist, dass sie kein Gegner für seinen Schwarzgurtpatriotismus sind."

Auf seiner Webseite verkündete er schon vor ein paar Jahren: "Ich bin sehr stolz auf diese literarischen Leistungen." So wird wohl auch in Zukunft Norris' Werk im Schatten seines Rufes stehen.