Buchkritik zu "Hoffnung Mensch" Das Hohelied vom Homo sapiens

Das Leben kommt uns kurz und ungerecht vor. Trost bietet vielen die Religion und der Glaube ans ewige Leben. Doch Glaube, Hoffnung, Liebe bietet auch der religionsfreie Humanismus, erklärt der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in seinem neuen Buch.

Von Markus C. Schulte von Drach

Mit dem kleinen Wort am Ende seines neuen Buches "Hoffnung Mensch" hat Michael Schmidt-Salomon die Szene der Säkularen in Deutschland irritiert: "Amen" steht dort unter einem Glaubensbekenntnis, das unter anderem lautet: "Ich glaube an den Menschen/Der die Hoffnung der Erde ist." Ist der bislang durch teils heftige Religionskritik aufgefallene Philosoph mit seinem neuen Buch "Hoffnung Mensch" ins Lager der Religiösen gewechselt?

Nicht wenn es um die traditionellen Religionen geht. Aber was klingt, als würde es theistische Religionen durch eine humanistische ersetzen wollen, löst in der Szene Abwehrreaktionen aus. "Ein Autor, der sich innerlich gedrängt sieht, ein derartiges Glaubensbekenntnis öffentlich abzulegen, hat die Nabelschnur zur Religion seiner Herkunft noch nicht völlig durchtrennt", schreibt etwa der Philosoph und Religionskritiker Joachim Kahl im Magazin diesseits.de.

Doch diese Diskussion lenkt vom eigentlichen Anliegen Schmidt-Salomons ab. Es geht ihm in diesem Buch um die ganz großen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was das Schicksal der Menschheit? Und insbesondere darum, ob eine humanistische Position, die sich auf den Menschen im Diesseits konzentriert, überzeugendere Antworten auf "die Erfahrung des Absurden [Camus], die Widrigkeiten des Lebens und die Ungerechtigkeit der Welt" liefern kann als die Religionen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Schmidt-Salomon kommt in allen Punkten zu einer positiven Antwort. Und nicht nur das. Er erklärt in seinem Buch darüber hinaus, wieso er an eine friedliche Zukunft glaubt, in der der kluge und kreative Mensch auch den Planeten vor der Zerstörung bewahren wird. Angesichts der historischen Erfahrungen ist man geneigt, das als gehörig naiv abzutun. Ist die Dummheit des Menschen etwa nicht unendlich, wie Albert Einstein sich sicher war? Ist er etwa nicht des Menschen Wolf? Was ist mit der fortschreitenden Umweltzerstörung oder dem Klimawandel?

Mit solchen Erkenntnissen braucht man Schmidt-Salomon nicht zu kommen. Er hat der Dummheit und Grausamkeit des Menschen seine vorherigen Bücher gewidmet: Nach der provokanten Beleidigung unserer ganzen Spezies als Homo demens (der irre Mensch) in "Keine Macht den Doofen" singt er nun umso lauter das Hohelied vom Homo sapiens (der weise Mensch).

Ein Wunder, nicht dem Irrsinn zu verfallen

Ob er sich einen Gefallen damit getan hat, zwei so verschiedene Bücher zu schreiben, die nur gemeinsam ein vollständiges Bild ergeben sollen, sei dahingestellt. Aber vielleicht war es ein geschickter Schachzug, jetzt mit einem Buch zu überraschen, in dem er gewissermaßen eine humanistische Version des Dreiklangs Glaube, Hoffnung, Liebe (Paulus, 1. Korintherbrief) entwickelt.

Erst einmal führt Schmidt-Salomon die Leser an den Rand des Abgrundes der Verzweiflung, in den uns die Erkenntnis der Camus'schen Absurdität zu stürzen droht: Der "Skandal des Todes [...] besteht in der Gewissheit, dass der Tod über kurz oder lang jede Bedeutung eliminiert, die wir unserem Leben gegeben haben". Noch dazu wissen wir: "Wir sind nicht nur [...] mit allen erdenklichen Arten des physischen und psychischen Leids konfrontiert, wir wissen zudem, dass wir diesen Übeln letztlich nicht entgehen können - wie sehr wir uns auch anstrengen mögen. Diese Ausweglosigkeit zu ertragen, ohne zu verzweifeln, ist keine Lappalie - und es grenzt fast schon an ein Wunder, dass die meisten Menschen ihr Leben trotz allem so tapfer meistern, ohne dem Irrsinn zu verfallen."

Viele finden dann Trost in den religiösen Illusionen eines Schöpfergottes und eines Lebens nach dem Tod. An eine Auferstehung oder ein ewiges Leben glaubt Schmidt-Salomon aber nicht. Schon gar nicht angesichts der Erkenntnisse der Kosmologen, dass es selbst mit dem Universum irgendwann ein Ende haben wird. Zwar habe sich die Aufregung darüber etwas gelegt, die "existentielle Erschütterung, die mit dieser Erkenntnis einhergeht, ist aber erhalten geblieben".

Trost findet Schmidt-Salomon trotzdem, und zwar in dem Gedanken, dass wir nur aufgrund unserer sinnlichen Wahrnehmung dem Leben eine Bedeutung beimessen. Da es mit dem Tode damit vorbei ist, "ist der Verlust des Sinnes nichts, was wir erleiden könnten". Mit ähnlichen Argumenten versuchte bereits der griechische Philosoph Epikur seinen Zeitgenossen die Angst vor dem Nichts nach dem Sterben zu nehmen.

Einen Sinn über den Tod hinaus kann Schmidt-Salomon zufolge unser Leben jedoch tatsächlich haben: Wenn sich unser Handeln positiv auf die nachkommenden Generationen auswirkt.

Parforceritt durch die Welt- und Menschheitsgeschichte

Auch wenn diese Ansätze nicht neu sind - es ist nur recht und billig, die humanistischen Gedanken hierzu immer wieder anzubieten. Beharren doch die Religionen auf dem Anspruch ihrer Deutungshoheit. Und die Zahl der Menschen wächst, die Zweifel haben und Sinn und Trost außerhalb des religiösen Glaubens suchen.

Für sie entwickelt Schmidt-Salomon auch Antworten auf die Fragen zu den Widrigkeiten des Lebens und der Ungerechtigkeit in der Welt. Dazu holt er weit aus und nimmt die Leser mit auf einen Parforceritt durch die Welt- und Menschheitsgeschichte. Er fasst die biologische und kulturelle Evolution unserer Spezies sowie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse griffig zusammen, beschreibt die Geschichte des Humanismus von Cicero über Julian Huxley (dem Bruder von Aldous) bis in die Gegenwart und liefert einen Überblick über alte und neue Weltbilder und Religionen. Er beschreibt die Entwicklung hin zu den Leistungen der modernen Technik und erinnert ausführlich an große Werke in Malerei und Musik.