Bregenzer Festspiele Spiele wie vor Gott, dem Herrn

Oben Dampferdeck, unten Hölle: David Pountney inszeniert bei den Bregenzer Festspielen Weinbergs meisterhafte Holocaust-Oper "Die Passagierin".

Von E. Tholl

Was für ein Fund! Die Bregenzer Festspiele, mit ihrer Seebühne für viele immer noch das vermeintliche Sinnbild für elaborierte Opern-Kulinarik - übrigens ein schon längst überholter Eindruck -, entdecken eine 24 Jahre alte Oper von einer grandiosen Wucht, Drastik und ganz und gar eigenen Schönheit und bringen sie in beispielhafter Art und Weise auf die Bühne. Das klingt fast wie ein Wunder - und ist doch nur harte Arbeit.

"Wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen auch wir zugrunde." In Weinbergs Oper, basierend auf einer Novelle der Schriftstellerin Zofia Posmysz, geht es darum, das Vergessen zu verhindern und die Lüge dieses Vergessens zu thematisieren.

(Foto: dpa)

Die Oper heißt "Die Passagierin", sie spielt zu zwei Dritteln in Auschwitz, Mieczyslaw Weinberg hat sie komponiert, 1986 schloss er die Partitur ab, 1996 starb er, 2006 erfolgte die konzertante Uraufführung des Werks in Moskau. Die Bregenzer Aufführung durch den dortigen Festspiel-Chef David Pountney ist die erste szenische Realisation der Oper, sie ist glücklicherweise international koproduziert und wird in den kommenden Jahren in London und Madrid zu sehen sein.

Gegen das Vergessen

Das Libretto zu dieser Oper schrieb Alexander Medwedew nach der gleichnamigen Novelle von Zofia Posmysz. Die Krakauerin Posmysz verbrachte drei Jahre ihres Lebens in den Schreckensfabriken der Nazis, in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück. Sie hat überlebt. Zum Schlussapplaus holt David Pountney sie auf die Bühne. Das gesamte Publikum im Festspielhaus erhebt sich, als wolle es die Kernaussage der Novelle und damit der Oper bekräftigen: "Wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen auch wir zugrunde."

Weder Weinberg noch Posmysz geht es um die reine Darstellung des Grauens. So präsent die Realität der Vernichtungslager in beiden Werken auch sein mag: Es geht darum, das Vergessen zu verhindern, die Lüge dieses Vergessens zu thematisieren.

Die Hölle der verdrängten Taten

Der Beginn der Oper wie der Novelle ist eine Dampferfahrt. Lisa fährt mit ihrem Gatten Walter, einem deutschen Diplomaten, nach Brasilien. An Deck begegnet ihr eine Frau, die mit ihrer stummen Gegenwart auf der Stelle Risse in der wohlpolierten Lebens-Oberfläche von Lisa entstehen lässt. Aus diesen Rissen werden Abgründe: Lisa war Aufseherin in Auschwitz, jene geheimnisvolle Frau, Martha, Häftling dort.

Walter fürchtet um seine Karriere - seine eigene Biographie wie sie Posmysz in deutlicher Ambivalenz schildert, das Umgehen der SS mit freiwilligem Dienst in der Wehrmacht, spielt in der Oper keine Rolle. Lisa wollte Martha im Lager zur Gehilfin machen, zum Werkzeug ihrer Macht, umgarnte sie, ließ ein Treffen zwischen Martha und ihrem ebenfalls inhaftierten Verlobten Tadeusz zu und schickte beide in den Tod, als diese die List ihrer vermeintlichen Freundlichkeit durchschauten. Doch Martha überlebte. Auf dem Schiff will Lisa von ihr eine Absolution. Doch die Begegnung wird zum Abstieg in die Hölle der eigenen verdrängten Taten.

David Pountney forschte jahrelang an diesem Thema. Er fuhr mit Posmysz nach Birkenau, er fuhr nach Israel und nach Moskau, sichtete die Musik von Weinberg; die diesjährige Ausgabe der Bregenzer Festspiele ist ganz dem hierzulande nahezu unbekannten Komponisten gewidmet, mit Konzerten und einer weiteren Weinberg-Oper, der Satire "Das Porträt". Derartige inhaltliche Auseinandersetzung ist in Bregenz nichts Neues; im vergangenen Jahr etwa inszenierte Pountney Szymanowskis "König Roger" im Festspielhaus.

Völlig hingerissen

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