Brecht-Aufnahme von 1919 Die Dreigroschenfotografie

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob Bertolt Brecht ein Kommunist war. Nun ist ein Foto aufgetaucht, das den Dramatiker im großbürgerlichen Wohnzimmer zeigt - in Rokoko-Gewand und mit Mozartperücke.

Von Stefan Mayr

Ob Bertolt Brecht ein Kommunist war, darüber wird noch bis weit nach dem Zusammenbruch der Regimes in Kuba und Nordkorea diskutiert werden. Dass er sich auch als Musiker verstand, daran besteht kein großer Zweifel. Als 14-Jähriger gründete er das Septett "Amicitia", er spielte Gitarre und komponierte. In einem Brief an einen Freund kündigte er an, er wolle eine Oper verfassen. Und seine erste Gedichtsammlung nannte er "Lieder zur Klampfe von Bert Brecht und seinen Freunden". Und nun ist ein neuer, bemerkenswerter Beleg für Brechts Nähe zu Mozart aufgetaucht: Auf einer bislang unveröffentlichten Fotografie posiert der große Verfremder als Mozart verkleidet.

Die einzige bekannte Aufnahme, die Brechts frühe Theaterarbeit dokumentiert: Bertold Brecht, ganz rechts, neben seiner Freundin Paula Banholzer, wahrscheinlich im Jahr 1919.

(Foto: Archiv Gross)

Das Foto stammt aus dem Besitz von Brechts Jugendliebe Paula Banholzer. Ihr Sohn Gerhard Gross stellte es der Süddeutschen Zeitung zur Verfügung. Auf dem Bild sitzt der junge Brecht in einem großbürgerlich anmutenden Wohnzimmer des 20. Jahrhunderts in Rokoko-Gewändern und weißer Mozartperücke. Neben ihm seine Freundin Paula Banholzer, die ebenfalls pompöse Robe und Perücke trägt. Gegenüber sitzen - wie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt - ein Karl-Valentin-Doppelgänger und ein dralles Weib in Dirndl und Hut. Zu allem Überfluss hält die Maid noch einen Lampion ins Bild.

Vordergründig ist das Foto ein weiterer Beleg für den bekannten Einfluss von Mozart und Valentin auf das Werk Brechts. Darüber hinaus bietet die skurrile Foto-Montage Raum für viele Deutungen. "Das ist fotografiertes episches Theater", sagt Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brecht-Forschungsstätte der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Hillesheim hat soeben seine Habilitationsschrift über Brechts "vormarxistisches episches Theater" vorgelegt. Er bezeichnet das Foto als "kleine Sensation" und "einmalig" - nicht nur weil es Brecht verkleidet zeigt, sondern vor allem, weil es "das einzige bisher bekannte" Foto sei, dass Brechts frühe "Theaterarbeit" dokumentiert. Hillesheim ordnet das Bild ein in die Reihe der zahlreichen, ebenso inszenierten Fotos; BB mit Ledermantel und Zigarre posierend; BB mit Totenschädeln unter den Armen; BB neben Karl Valentin und Liesl Karlstadt vor einer Oktoberfest-Schaubude. Jetzt also BB mit Mozartperücke.

Jürgen Hillesheim datiert die Aufnahme auf das Jahr 1919. Er erkennt "drei sich widersprechende und damit auch einander kommentierende Handlungen". Erstens das "blasierte" Paar aus dem Rokoko, das nicht in die Umgebung passt. Die zwei Fremdkörper demonstrieren mit ihrem Gestus, so Hillesheim, "das Unechte, das Manieristische und auch das sozial Verarmte" aus der Zeit des großen Komponisten. Zum valentinesken Klamauk werde das Foto durch das zweite Pärchen, das durch seine bloße Anwesenheit provoziere und kommentiere - beides verstärkt durch das Grinsen des Weibes. Hierdurch erscheine das Rokoko-Paar "nicht nur als nicht zeitgemäß und unpassend, sondern auch als gesellschaftliches Phänomen".

Und um den Effekt des Zeigens und Demonstrierens zu verstärken, so Hillesheim, hat Brecht den Lampion ins Bild gehievt. Der Lampion war schon früh ein bewährtes Requisit für Brecht, das er in vielen seiner Werke einsetzte - vor allem, wenn er sich daranmachte, eine Szene analytisch auszuleuchten. "Brecht setzt das Rokoko-Ensemble dem analytischen Blick von Karl Valentin aus und bringt damit an sich Konträres in Verbindung", sagt Hillesheim. Obendrein war der Lampion eine Art Markenzeichen für Brecht und seinen Augsburger Freundeskreis.

Den Einfluss Karl Valentins auf Brechts Werk hatte bereits das Augsburger Brecht-Festival 2010 unter dem Motto "Brecht und Film" thematisiert. Das kommende Festival 2011 hat der künstlerische Leiter Joachim Lang mit "Brecht und Musik" überschrieben. Jürgen Hillesheim wird dazu mit der Universität Augsburg einen Kongress über den musizierenden Dichter organisieren. Dabei wird auch das Perücken-Foto ein Thema sein.

Auch Erdmut Wizisla, der Leiter des Brecht-Archivs in Berlin, misst dem neu veröffentlichten Foto "kulturhistorisch einen beträchtlichen Wert" zu. Umso mehr bedauert er, dass der Originalabzug und das Negativ bis heute verschollen sind. Gerhard Gross, der Sohn Paula Banholzers, führt deshalb einen Rechtsstreit mit dem Berliner Literaturagenten Axel Poldner. Letzterer brachte 1985 zusammen mit Paula Banholzer das Buch "Meine Zeit mit Bert Brecht. Erinnerungen und Gespräche" heraus. Hierfür hatte sie zahlreiche Originalfotos an Poldner geschickt - und nie mehr zurückbekommen. Das beteuert jedenfalls ihr Sohn. "Er hat die Originale behalten und Kopien zurückgeschickt", sagt Gross, dies belege ein Brief Poldners an Banholzer.

Poldner beteuert dagegen, er habe alles zurückgegeben. Eine Quittung hierfür kann er allerdings nicht vorweisen. Gross hat Anzeige wegen Unterschlagung erstattet, die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt.