Berliner Wald-Ausstellung Wo die Deutschen ihre Seele finden

Die Liebe der Deutschen zum Wald ist kaum zu überbieten. In keinem anderen europäischen Land hat sich ein derart tiefes Bewusstsein für die Heimat der Bäume entwickelt wie bei den Nachfahren der Germanen. Die Berliner Ausstellung "Unter Bäumen" versucht das alles zu erklären - und scheitert.

Von Christopher Pramstaller

"Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen" - so schrieb es Elias Canetti, Schriftsteller und Aphoristiker deutscher Sprache.

Es war in den Wäldern, in denen die deutsche Nation ihren Anfang nahm. Vernichtend schlug - der Legende nach - Hermann der Cherusker im Jahr neun nach Christus den römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus im Teutoburger Wald. In der Schlacht geeint, entstiegen die Germanen dem Blutbad. Die Wilden hatten die Zivilisation besiegt - und die Deutschen ihren Ur-Mythos gefunden.

Für Canetti hat die quasi-religiöse Beziehung der Deutschen zu ihrem Wald niemals aufgehört zu existieren. Als er das Eingangszitat 1960 verfasste, war er geprägt vom Bild, das die Deutschen über Jahrhunderte hinweg von sich und ihrem Wald aufgebaut hatten.

Von den Nationaldenkmälern am Kyffhäuser, dem Völkerschlacht-Denkmal, der Hermann-Statue bis zu unzähligen Bismarcktürmen hatten sie alles Erdenkliche in den Wald gestellt. Im Wald waren die Deutschen immer auf der Suche nach sich selbst: Stets im unumstößlichen Glauben, dass die Quelle deutscher Art im Walde rausche.

Die Waldesliebe der Deutschen ist ein eigentümliches Ding. In keinem anderen europäischen Land wurde ein derart tiefes Waldbewusstsein ausgeprägt wie hierzulande. Und auch wenn das Internationale Jahr der Wälder sich in wenigen Tagen dem Ende zuneigt, wird diese Liebe der Deutschen nicht welken. Zu tief hat sich der Wald als wildromantische Kulisse in das Bewusstsein der Deutschen gegraben, zu sehr als Schutz- und Freiheitsaum ihre Identität geprägt. Selbst der Sozialdemokrat Friedrich Ebert stellte unumstößlich fest, dass das "Herz der Deutschen im Wald schlägt".

Die deutsche Identität ohne den Wald zu denken: es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schillers Räuber hausen dort, Hänsel und Gretel verlaufen sich darin, Rübezahl schützt ihn. Der Topos des Jägers wurde nicht nur im lange als deutsche Nationaloper apostrophierten Freischütz gepflegt. Im Wirtshaus im Spessart hocken die Wildschützen wohl heute noch. Und wenn sie sich heute immer häufiger im Wald begraben lassen, in kühler Erde unter hohen Wipfeln, führt das die Deutschen in kompostierbaren Urnen dorthin zurück, woher ihre Urväter in Horden über die Römer herfielen.

Im Berliner Historischen Museum versucht die Ausstellung "Unter Bäumen" zum Ende des Internationalen Jahr der Wälder, Schneisen ins schier undurchdringliche Beziehungsgeflecht zwischen den Deutschen und ihrem Wald zu schlagen. Doch die Berliner Kuratoren konnten sich bei einem derart mystisch verdichteten Thema nicht zwischen einer Kunstausstellung und einem Kramerladen der waldigen Alltagsgeschichte entscheiden. Zu groß ist das Thema, zu klein die Ausstellungsfläche des Pei-Baus.