Berlinale Die Alternative heißt: "Fluch der Karibik 15"

In Berlin beginnt am Donnerstag die 67. Berlinale.

(Foto: REUTERS)

Filmfestivals wie die Berlinale sind museale Nischenveranstaltungen? Blödsinn. Sie entscheiden gerade über die Zukunft des Kinos. Und die kommt längst nicht mehr nur aus Hollywood.

Kommentar von David Steinitz

Wer bestimmt die Zukunft des Kinos? Ökonomisch betrachtet, gibt es auf diese Frage eine sehr einfache Antwort, und die lautet: Disney. Die fünf weltweit erfolgreichsten Kinofilme des vergangenen Jahres stammen allesamt vom Disney-Studio in Kalifornien. Mehr als sieben Milliarden Dollar hat der Konzern 2016 an den Kinokassen mit Filmen wie dem "Star Wars"-Ableger "Rogue One" und der Animationskomödie "Zoomania" umgesetzt.

Aus künstlerischer Perspektive gibt es auf diese Frage aber auch noch eine ganz andere Antwort und die lautet: Filmfestivals wie die Berlinale, die nun zum 67. Mal eröffnet wird, spielen für die Zukunft des Kinos eine noch viel wichtigere Rolle. Denn dort werden jedes Jahr um die 400 Produktionen aus Dutzenden Ländern gezeigt, die ein deutlich differenziertes Bild des Filmschaffens und der Welt vermitteln. Das Festivalkino wird zwar gerne belächelt, und nicht nur Hollywood-Produzenten halten Filmfestivals für museale Nischenveranstaltungen, wo Filme gezeigt werden, die kein zahlender Zuschauer anschauen möchte. Aber für jeden, der etwas anderes sehen möchte als Hochglanz-Blockbuster, gehören sie zu den letzten Orten, an denen mit dem Medium Film noch experimentiert wird.

Netflix und Amazon orientieren sich lieber an den Filmfestivals

Hollywood-Studios wie Disney setzen aufs Retortenprinzip: lieber "Fluch der Karibik 5" als künstlerisches Neuland. Die Risikobereitschaft ist so gering, weil an den Kinokassen in der westlichen Welt die paradoxe Situation herrscht, dass dort noch viel Geld zu holen ist, obwohl immer weniger Menschen ins Kino gehen. Die Einnahmen von Disney und Co. sind in den vergangenen Jahren nur gestiegen, weil die Tickets für einen Kinobesuch so horrend teuer sind. Überlängenzuschlag, 3-D-Zuschlag, wer in letzter Zeit in einem Multiplex an der Kasse stand, dem konnte schnell schwindlig werden. Um die verbliebenen Zuschauer nicht zu verprellen, wollen die amerikanischen Studios den größtmöglichen gemeinsamen Zuschauernenner bedienen. Männer und Frauen, Rentner und Teenager, Chinesen und Amerikaner, alle sollen zufriedengestellt werden. Das Ergebnis ist oft ein mutloses, moralisch integres und politisch korrektes Superheldenkino - also das Langweiligste, was einer Kunstform überhaupt passieren kann. Hätte eine solche Stimmung schon früher geherrscht, Filme wie "Taxi Driver" wären nie gedreht worden.

Selbst wenn die Studios ab und an doch noch einen Film jenseits der Fortsetzungsmaschinerie produzieren, werden Ideen von vorgestern recycelt. Jüngstes Beispiel ist das Musical "La La Land" mit Emma Stone und Ryan Gosling. Handwerklich ist der Film eindrucksvolles Tanz- und Gesangskino. Aber er verführt die Zuschauer mit einer perfiden Nostalgie nach der Traumfabrik der Vierziger- und Fünfzigerjahre, hinter der ein wertkonservatives Gesellschaftsbild und ein Geschlechterverständnis standen, die man nicht wieder heraufbeschwören möchte. Innovation geht anders.

Kino hat immer noch mehr Glamour als jedes Online-Abo

Zum Beispiel wie im Drama "Manchester by the Sea", das gerade im Kino läuft. In diesem Film über ein Familientrauma tun sich Abgründe auf, die jeden Superhelden in die Flucht schlagen würden. Er ist ein Beispiel für die emotionale Kraft, die das Kino ganz ohne Nostalgiespritze oder digitale Spezialeffekte entfalten kann, und die man immer häufiger nur noch im Rahmen eines Festivals zu sehen bekommt. "Manchester by the Sea" feierte seine Premiere beim Sundance-Festival in Utah, im jährlichen Festivalkalender der wichtigste Termin vor der Berlinale.

Wie wichtig traditionelle Festivals sind, zeigt sich auch dadurch, dass ausgerechnet neue Akteure aus der digitalen Welt hier mitmischen wollen, wie die Streaming-Dienste Netflix und Amazon. Die Verantwortlichen wissen um den Glamour, den das Kino immer noch mehr verkörpert als jedes Online-Abo. Deshalb haben sie eine sehr analoge Strategie, was die Akquise und Vermarktung ihrer Filme angeht, auch wenn die Kunden sie hinterher im Internet anschauen und bezahlen sollen. Zum Beispiel konkurrieren beide Unternehmen darum, als erster Streaming-Dienst einen Oscar für den besten Film zu gewinnen.

Um das zu schaffen, wollen sie ihre Mitbewerber mit Werken ausstechen, die das klassische Hollywood immer weniger anbietet. Und die suchen sie gerne auf Filmfestivals, wo sie sich gegenseitig im Preis überbieten, um die besten Nachwuchsfilmer unter dem eigenen Logo herauszubringen. Weshalb die Talent-Scouts in den kommenden Tagen in Berlin bestimmt genauso unterwegs sein werden wie in Utah. Dort kaufte Amazon "Manchester by the Sea" ein, der bei der Oscarverleihung neben altbackenen Kandidaten wie "La La Land" als bester Film nominiert ist.